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Der Neandertaler als Künstler : Abstrakte Kunst für die Höhle

Alter Meister: Um diese acht Linien in den Fels zu ritzen, musste der Neandertaler konzentriert zu Werke gehe Bild: dpa

Der moderne Mensch kann malen, zeichnen, schnitzen. Was keiner vermutet hätte: Schon der Neandertaler war künstlerisch tätig. Das hat die Erforschung einer Höhle in Gibraltar ergeben.

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          Die Fähigkeit, zielgerichtet etwas zu zeichnen oder zu schnitzen, gilt als eine geistige Leistung, zu der erst der moderne Mensch (Homo sapiens) im Laufe seiner Entwicklung in der Lage war. Die ältesten europäischen Höhlenmalereien stammen aus dem Jungpaläolithikum (etwa 40.000 bis 10.000 vor Christus) und wurden allesamt vom Homo sapiens geschaffen. Etwas ältere Gravuren in Steinwänden finden sich zum Beispiel in Afrika, doch auch sie konnten bislang nur dem modernen Menschen zugeordnet werden. Dem Neandertaler, der seine letzten 10.000 Jahre noch neben seinen nach Europa vordringenden Verwandten existierte, den heutigen Menschen, wurde bislang so eine Leistung nicht zugetraut.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nun haben Forscher erstmals Felsgravuren entdeckt, die von einem vor etwa 30.000 Jahren ausgestorbenen Homo neanderthalensis in Stein gekratzt wurden. Auch die Fundstelle ist interessant: Es handelt sich um die Gorham-Höhle in Gibraltar, die Tausende von Jahren Neandertalern als Behausung diente.

          Ruth Blasco und Clive Finlayson erforschen seit vielen Jahren die Höhle an der Südspitze der Iberischen Halbinsel. Erst vor kurzem konnten sie nachweisen, dass die Höhlenbewohner dort schon vor etwa 67.000 Jahren begannen, Felsentauben zu domestizieren, die ihnen dann fast 40.000 Jahre lang als Nahrung dienten. Belege dafür, vor allem angenagte und durch Feuer verkohlte Knochen von der Taubenart Columba livia, fanden die beiden Wissenschaftler in den ältesten Schichten des Höhlenbodens.

          Ohne Einfluss des Homo sapiens

          Rund 40 Zentimeter über dem damaligen Höhlenboden verbarg sich die nun von dem Leiter des Gibraltar-Museums, Clive Finlayson, und seinem Team entdeckte Felsgravur. Sie war bis vor kurzem noch bedeckt mit einer Erdschicht, in der Werkzeuge der Moustérien-Kultur gefunden wurden, einer Epoche des europäischen Mittelpaläolithikums. Die von Neandertalern gefertigten Hinterlassenschaften müssen also älter als 39.000 Jahre sein. Und die in Stein geritzte Kreuzschraffur auf der etwa einen Quadratmeter großen und natürlichen Plattform, die unter dieser ältesten Schicht in der Höhle begraben war, muss also noch älter sein. Damit kann das 300-Quadratzentimeter-Kunstwerk, wie Blasco und Finlayson jetzt in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) schreiben, nur von Neandertalern angefertigt worden sein. Der moderne Mensch hatte zu der Zeit den Westen Europas zwar schon erreicht, doch bis in den kleinen Zipfel, der heute zu Großbritannien gehört, war er nicht vorgedrungen. Im Umkehrschluss kann der Neandertaler damals nicht unter dem Einfluss des Homo sapiens gestanden haben, er ahmte also seinen höher entwickelten Verwandten nicht nach, als er den Felsen ausschmückte. Dafür spricht, dass die sorgfältig durch wiederholtes Bearbeiten und aus rein dekorativen Gründen mit einem steinernen Werkzeug bis vier Millimeter tief eingeritzten Linien mit anderen bislang bekannten Wandschnitzereien keine Ähnlichkeit haben.

          Die beiden Forscher sehen in den acht schlichten Linien ein eigenständiges Kunstwerk und nicht etwa Einkerbungen eines Werkzeugs, wie sie zum Beispiel beim Zerlegen eines Tiers in der steinernen Unterlage entstanden sein könnten. Blasco und Finlayson konnten mit eigenen Versuchen ausschließen, dass es sich um reine Gebrauchsspuren handelt. Vielmehr muss hier ein früher Künstler sehr konzentriert und für längere Zeit zugange gewesen sein. Um die tiefen Rillen mit gewöhnlichen Steinwerkzeugen in den Felsen hauen zu können, benötigten die Wissenschaftler bei ihren Versuchen zwischen 188 und 317 Schlägen.

          „Wir stellen fest, dass die Steingravur ein vorsätzlich ausgeführtes Design darstellt.“ Als Höhlenschmuck sollte es demnach nicht nur den Neandertaler erfreuen, der es hergestellt hatte, sondern sicherlich auch die restlichen Bewohner der Behausung. Dafür spreche die Größe des Werks und auch die Stelle, an der die Gravur angebracht wurde. Die Entdeckung beweise, das nicht erst der Homo sapiens zu abstraktem Denken in der Lage war. Schon der Neandertaler war ein abstrakter Künstler.

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