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Gibraltar : Letzter Akt im Affentheater

  • -Aktualisiert am

Affenliebe auf der Festung: Berberaffen in Gibraltar Bild: REUTERS

Streicheleinheiten gegen Junk Food: Die Berberaffen von Gibraltar steigen immer öfter von ihrem Felsen herab und belästigen Touristen und Bewohner. Einige Tiere sollen die Futtersuche nun mit dem Leben bezahlen.

          3 Min.

          Die Affen auf dem Felsen von Gibraltar können sich über ihre Diät nicht beschweren: Obst und Gemüse, Getreide und Körner werden ihnen staatlich zugeteilt. Aber wenn die Berberaffen auf ihren Streifzügen an den Grenzen des Naturschutzgebietes außer natürlichen Nahrungsquellen wie dem Affenbrotbaum auch Bananen und Süßigkeiten finden, dann achten sie auf keine Kalorientabelle mehr und greifen zu. Vor allem die Touristen verwöhnen die Affen - und wundern sich nun, dass einige wegen ihrer zunehmenden Zudringlichkeit gekeult werden sollen.

          Vor kurzem bestätigte Umweltminister Ernest Britto im Parlament der britischen Kronkolonie, man werde 25 der insgesamt 206 Affen wegen ihrer Übergriffe auf Wohngebiete töten lassen. Seitdem sind die 29.000 Bewohner der sechseinhalb Quadratkilometer in Aufruhr. Tierschützer und Wissenschaftler entfachten eine Kontroverse. Die mit Affenschutz befasste International Primate Protection League drohte, zu einem Touristenboykott gegen Großbritannien aufzurufen.

          „Es ist der letzte Ausweg“

          Schon immer hatten die Affen in Gibraltar ihre Schwierigkeiten. Die einzigen wildlebenden Affen Europas wurden bereits durch das ehedem zuständige britische Verteidigungsministerium erlegt. Erst im vergangenen Jahr vergab die Regierung dem Affenmanagementteam der Gibraltar Ornithological & Natural History Society (GONHS) eine neue Lizenz zum Töten. Vergangene Woche teilte Britto mit, dass schon zwei Affen im Rahmen des Parlamentsbeschlusses eingeschläfert worden seien: „Es ist der letzte Ausweg.“ Die Affen plündern auf Futtersuche Müllbehälter und dringen durch offene Fenster in Häuser ein, bei ihren Ausflügen springen sie auf Autos und brechen deren Antennen ab, sie reißen Müllsäcke auf und durchwühlen unbeaufsichtigte Taschen, sie ängstigen Kinder und können per Biss Infektionen verursachen.

          Mit der Urlauberschwemme ist das Affenproblem noch schlimmer geworden. Videos auf Youtube und Fotos auf Myspace zeigen, dass die Grenzen zum Haustier verschwimmen. Geschäftstüchtige Fremdenführer ermöglichen begeisterten Touristen engen Kontakt. Die Berberaffen dulden Streicheleinheiten im Austausch gegen Junk Food. Im Jahr 2006 kamen 8,2 Millionen Touristen, ins Naturreservat auf dem Affenfelsen allein 723.429, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Warnhinweise besagen, dass man die Tiere weder anfassen noch füttern solle. Theoretisch wird das Füttern von Affen mit einer Strafe von 500 Pfund geahndet. Aber keiner der geschätzten Touristen muss diese Strafe fürchten.

          Ressourcen fehlen

          Die Konditionierung der Affen macht das Leben der Anwohner nicht einfacher. Klagen sind in jüngster Zeit vor allem an der Catalan Bay auf der Ostseite des Felsens zu hören, wo sich neben neuen Wohnkomplexen auch das Viersternehotel Caleta Palace befindet. Aber kaum jemand ist über die geplante Keulung glücklich, nicht einmal Anwohner. In einem Leserbrief an den „Gibraltar Chronicle“ schrieb die Anwohnerin Genevieve Pons: „Ich wohne selbst in einem betroffenen Gebiet. Aber ist dies die einzige Lösung? Die Affen machen Gibraltar für Touristen attraktiv. Es wäre zu rechtfertigen, einen höheren Betrag des Gewinns in Affenpflege zu investieren.“ Und Eddie Lucas kommentiert: „Man muss sich der Praxis entledigen, wilde Affen zu füttern und anzufassen - nicht der Affen selbst.“

          Aber fürs Affenmanagement scheinen die Ressourcen zu fehlen. Fürs Jahr 2007 erhielt das GONHS-Dreimannteam für Pflege, Forschung, Geburtenkontrolle und tägliche Fütterung mit 125 Kilogramm Obst und Gemüse einen Jahresetat von weniger als 70.000 Pfund. Am Montag teilten die Affen-Manager mit, man tue alles, um es nicht zu Keulungen kommen zu lassen. Immerhin habe man es geschafft, die Population bei etwa 200 Tieren stabil zu halten, nachdem in den Neunzigern schon bis zu 300 Tiere in Gibraltar gelebt hatten.

          Abfallbehälter affendicht machen

          Die Berberaffen fräßen eben gern Futter mit vielen Kalorien. Und wenn sie das in Abfallbehältern fänden oder von Touristen bekämen, kehrten sie immer wieder dorthin zurück. Daher fordert die GONHS die Regierung dazu auf, alle Abfallbehälter affendicht zu machen und auch Hotels und Restaurants dazu aufzufordern. Auch solle man endlich durchsetzen, dass nicht mehr gefüttert wird. Das dürfte allerdings nicht so einfach sein: Freiwillige der GONHS hatten schon vor Jahren auf dem Felsen Dienst geschoben und Touristen vom Füttern abgehalten. Sie beendeten diesen Dienst an der Gemeinschaft allerdings, als sie von Touristen - und angeblich auch von Fremdenführern - mit Drohungen und Schlägen bedacht worden waren.

          Vielleicht tut der veränderte Ressortzuschnitt in der autonomen Regierung des britischen Überseegebiets ja Wirkung. Seit zwei Wochen ist Ernest Britto auch Tourismusminister. Sein Ministerium heißt nun Ministry for the Environment and Tourism. So hat er nicht nur die Affen unter sich. Nun kümmert er sich auch um die ebenso aufsässigen Touristen.

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