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Gewagtes Musical : „Ich wäre so gern wie Osama“

Unterhaltungs-Terror: Szene aus „Jihad - The Musical” Bild:

Geschmacklosigkeit oder brillante Satire? In Edinburgh wird jetzt ein Dschihad-Musical uraufgeführt - mit hüpfenden Frauen in rosa Burkas. Wütende Proteste sorgen für viel Gesprächsstoff und damit vor allem für PR.

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          Der Mann könnte auch als Frauenschwarm in einem Bollywood-Film auftreten: gepflegter Dreitagebart, dunkle Augen, feuriger Blick - und eine schöne Tenorstimme hat er auch noch. Doch wenn der Inder Sorab Wadia im blütenweißen Hemd zum Singen ansetzt, muss so mancher im Publikum erst einmal schlucken. „I wanna be like Osama“, trällert der Beau mit keckem Lächeln und schwingt die Hüften. „Kill civilians in the millions around the globe.“ Hüpfende Frauen in quietschrosa Burkas schwenken dazu Maschinengewehre und Krummsäbel aus Pappe, werfen dem Möchtegern-Bin-Ladin ein Tuch auf den Kopf und einen Umhang um die Schultern, während dieser verzückt schmettert: „I won't be missed on the wanted list with a Jihad on my own.“ („Ich wäre so gern wie Osama / Würde Millionen Zivilisten auf der ganzen Welt umbringen / Mit meinem eigenen Dschihad würde ich auf keiner Fahndungsliste fehlen.“)

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Geniale Satire, der Gipfel der Geschmacklosigkeit oder lediglich cleveres Marketing? Das Musical „Jihad“, das derzeit auf dem Edinburgh Festival aufgeführt wird, hat in Großbritannien aufgeregte Debatten entfacht. Es ist gerade mal fünf Wochen her, seit ein Selbstmordattentäter einen brennenden Jeep in den Flughafen von Glasgow fuhr und die Londoner Polizei nur knapp zwei Anschläge im Herzen der Stadt vereitelte. Innerhalb weniger Stunden wurden sich die Briten wieder bewusst, dass sie in ihrem Alltagsleben der Terrorgefahr unmittelbar und weitgehend schutzlos ausgeliefert sind.

          „In erster Linie Opfer beleidigt“

          Sich in diesen Zeiten auf der Bühne ausgerechnet über islamische Fanatiker zu amüsieren, geht selbst im liberalen Großbritannien einigen zu weit. „Wie kann man über Leute lachen, die Extremismus und Gewaltakte gegen unschuldige Menschen predigen“, empörte sich der Manager des „Islam Festival Edinburgh“, Sohaib Saeed. Die Musicalproduzenten sollten außerdem klarer zwischen Extremisten und gläubigen Muslimen unterscheiden, lautet seine Forderung. Seit dem Anschlagsversuch in Glasgow sei die Zahl der Angriffe auf Muslime in Schottland bereits um ein Drittel gestiegen. Derartige Theateraufführungen beflügelten die Vorurteile.

          Ein Protestler lancierte sogar eine Petition auf der Internetseite von Premierminister Gordon Brown, das Stück rigoros zu verbieten. „Die Idee, den muslimischen Extremismus zu verulken, ist äußerst beleidigend, vor allem für die Opfer“, heißt es dort: „Das Edinburgh Fringe Festival fördert solche ,Kunst', ohne diejenigen zu berücksichtigen, die sich von so einem ,Musical' verletzt fühlen könnten.“ Die Resonanz fiel allerdings schwächer aus, als der besorgte Mann gehofft hatte. Nur neun Mitstreiter fanden sich - die etwa zeitgleich abgegebene Petition, das Tempolimit auf dem Windermere-See von zehn Meilen in der Stunde aufzuheben, brachte es auf fast 2000 Bürgerzusprüche.

          Humor als Mittel gegen Einschüchterung

          Die Musicalmacher denken freilich nicht daran, das Stück („ein Wahnsinnsgalopp durch die exzentrische Welt des internationalen Terrorismus“) abzusetzen, nachdem es dank der Proteste jetzt als heißer Festival-Tipp gehandelt wird. Die Schauspieltruppe sei nach dem Anschlagsversuch in Glasgow genauso geschockt gewesen wie jeder andere auch, erzählt Produzent James Lawler. Man habe sich jedoch bewusst dagegen entschieden, das Stück aus dem Programm zu nehmen. „Es soll nicht beleidigen oder verletzen, sondern die Geisteshaltung heraufbeschwören, die unter der britischen Bevölkerung während der Bombenangriffe auf London im Zweiten Weltkrieg herrschte: über diejenigen zu lachen, die uns einzuschüchtern versuchen.“

          Dass einige Leute diese Art von Humor ablehnen, kann Lawler nicht verstehen. Die Protestler hätten das Stück offensichtlich nicht gesehen. Wie jede gute Satire befasse es sich auf humorvolle Weise mit einem aktuellen Thema und mache das Beste aus einer schwierigen Situation. „Wir laden alle ein, zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen.“

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