https://www.faz.net/-gum-6vro8

Gesundheitshelferinnen in Afghanistan : Nicht auf verlorenem Posten

Gesundheitshelferin Rogul Bild: Friederike Böge

Die Sterblichkeit von Kindern und Müttern in Afghanistan ist deutlich gesunken, seit es dort ehrenamtliche Gesundheitshelferinnen gibt. Eine von ihnen ist Rogul.

          3 Min.

          Jeden Morgen um acht Uhr wirft sich Rogul ihre Burka über, greift nach der schwarzen Tasche mit Medikamenten und Impfnadeln und marschiert los. Oft ist sie ein bis zwei Stunden zu Fuß in den Bergen unterwegs, bis sie ihre Patienten in den Dörfern erreicht. Im Dorf Deh Nau hat sich der Bauchnabel eines acht Tage alten Säuglings entzündet, weil die Großmutter Tabak auf die frische Nabelschnurwunde gestreut hat, wie es in diesem Teil Afghanistans üblich ist. „Gleich morgen gehst du mit dem Jungen in die Klinik“, sagt Rogul zu der jungen Mutter und erläutert ihr mit einem Bilderbuch die Symptome und den drohenden Krankheitsverlauf bei dem Neugeborenen. Frauen und Kinder aus der Nachbarschaft drängeln sich neugierig an der Tür, um den Erklärungen der Besucherin zu lauschen. „Wir hatten ja keine Ahnung“, ruft eine zahnlose Alte.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Rogul, die wie viele Afghaninnen keinen Nachnamen hat, ist keine Ärztin und auch keine Hebamme. Sie ist eine von 22000 ehrenamtlichen Gesundheitshelferinnen, die in den vergangenen zehn Jahren in Afghanistan ausgebildet wurden. Der Gemeinderat in Guldara, einem Distrikt vor den Toren der Hauptstadt Kabul, hat sie ausgewählt, weil sie eine der wenigen Frauen ist, die hier lesen und schreiben können. In zehn Dörfern betreut sie Schwangere, junge Mütter und deren Kinder. Wo Wundstarrkrampf bis vor kurzem noch bösen Geistern zugeschrieben wurde, verabreicht sie Tetanus-Impfungen. Sie verteilt Kondome und die Pille, damit die von der Geburt geschwächten Mütter nicht gleich wieder schwanger werden.

          Viermal höhere Überlebenschance bei der Geburt

          Frauen wie Rogul sind die Protagonisten einer Erfolgsgeschichte, wie sie in dem krisengeschüttelten Land selten geworden sind: Die Kinder- und die Müttersterblichkeit sind in den vergangenen Jahren offenbar stark gesunken. Das geht aus der jüngsten Studie des afghanischen Gesundheitsministeriums hervor, die jetzt in Kabul vorgestellt wurde. Demnach stirbt jedes zehnte Kind vor seinem fünften Lebensjahr. Im internationalen Vergleich ist das noch immer eine sehr hohe Kindersterblichkeit. Doch eine ähnliche Studie der Johns-Hopkins-Universität ergab noch 2006, dass doppelt so viele Kinder das fünfte Lebensjahr nicht erreichten.

          Ähnliche Verbesserungen erkennt die neue Erhebung bei der Müttersterblichkeit: Während eine UN-Studie noch 2005 zu dem Ergebnis kam, dass jede elfte Frau in Afghanistan an Komplikationen während einer Schwangerschaft oder Geburt starb, haben sich die Überlebenschancen der Mütter nun mehr als vervierfacht.

          Die Untersuchung des Ministeriums, die von der Weltgesundheitsorganisation begleitet wurde, gilt als umfangreichste Datensammlung, die in Afghanistan je in diesem Bereich durchgeführt wurde. Direkte Vergleiche mit früheren Statistiken sind zwar nur bedingt aussagekräftig, weil die schlechte Sicherheitslage und kulturelle Vorbehalte gegen Umfragen jede wissenschaftliche Studie im Land erschweren. Die Hilfsorganisation Save the Children spricht dennoch von „deutlichen Verbesserungen“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Atomkraftwerk in Nogent-sur-Seine

          Kaum erneuerbare Energien : Wie Frankreich mit Atomenergie das Klima schützt

          Frankreich hat keine einzige Off-Shore-Windkraftanlage, der Anteil der erneuerbaren Energien ist gering. Und doch stößt das Land viel weniger CO2 aus, die Kernenergie macht es möglich. Warum plant Macron dann einen Teilausstieg?
          Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock steht nach ihrer Bestätigung bei der Bundesdelegiertenkonferenz ihrer Partei auf der Bühne.

          Mit 98,55 Prozent : Grüne küren Baerbock zur Kanzlerkandidatin

          Der Grünen-Parteitag hat Parteichefin Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin bestätigt. In einer einzigen Abstimmung unterstützten 678 von 688 Delegierten das Duo aus den beiden Parteichefs Baerbock und Robert Habeck als Wahlkampf-Team.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.