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Zuckererkrankung : „Diabetiker werden häufiger depressiv“

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Diabetes ist eine Erkrankung mit vielen Facetten. Bild: Helmut Fricke

Der Psychologe Bernhard Kulzer erklärt, wie Zucker und seelische Probleme aufeinander wirken – und was zu tun ist.

          5 Min.

          Herr Kulzer, dass Diabetespatienten unter einer schlechten Durchblutung, Sehproblemen und Unterzuckerung leiden können, ist bekannt. Dass Diabetes in der Folge aber auch psychische Erkrankungen hervorrufen kann, wissen viele nicht. Sind das neue Erkenntnisse?

          Ganz neu sind diese Erkenntnisse nicht. Aber man hat erst in den letzten Jahren begriffen, in welch gravierender Art und Weise Diabetes und psychische Erkrankungen sich gegenseitig beeinflussen können. Neue medizinische Erkenntnisse brauchen ihre Zeit, bis sie in der Fachwelt und darüber hinaus bekannt und akzeptiert werden. Man kann von dem heutigen Stand der Forschung aber sagen, dass alle psychischen Erkrankungen die Behandlung des Diabetes erschweren und die Prognose des Diabetes verschlechtern.

          Wie erklären Sie sich diesen Zusammenhang?

          Diabetes ist eine chronische Erkrankung. Bei der Diabetestherapie kommt dem Patienten die entscheidende Rolle zu. Er muss die Therapiemaßnahmen in unterschiedlichen Situationen in seinem Alltag eigenverantwortlich umsetzen. Das kann Stress bedeuten. Dies gelingt im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung fast immer schlechter. Der Diabetes wird dadurch zu einer immer stärkeren Belastung. Kommen dann noch andere mögliche Stressfaktoren wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Einsamkeit oder berufliche Probleme hinzu, dann ist die Stressachse der Betroffenen andauernd aktiviert. Als Folge wirkt das Insulin schlechter, und entzündliche Prozesse in den Gefäßen werden aktiviert. Dies schädigt die Blutgefäße, die durch den Zucker sowieso schon gefährdet sind, zusätzlich.

          Für die regionalen Unterschiede verantwortlich sind nach Schätzung von Experten der Sozialstatus, wirtschaftliche Faktoren und die uneinheitliche medizinische Versorgung.
          Für die regionalen Unterschiede verantwortlich sind nach Schätzung von Experten der Sozialstatus, wirtschaftliche Faktoren und die uneinheitliche medizinische Versorgung. : Bild: F.A.Z.

          Das Problem also ist, depressive Diabetespatienten kümmern sich schlechter um sich.

          Aus zahlreichen Studienergebnissen wissen wir, dass Patienten mit einer depressiven Symptomatik weniger auf ihre Gesundheit achten und die Therapie deutlich schlechter umsetzen. Medikamente werden nicht regelmäßig eingenommen, der Blutzucker weniger häufiger kontrolliert. Daher weisen Diabetespatienten mit einer Depression im Vergleich zu nichtdepressiven Patienten eine schlechtere Blutzuckereinstellung auf und mehr Folgeerkrankungen wie Augen-, Nieren- oder Herzprobleme. Zudem ist die Lebenserwartung deutlich verkürzt.

          Sie haben gesagt, dass Diabetes und Depression sich gegenseitig beeinflussen. Heißt das, depressive Menschen entwickeln auch häufiger Diabetes?

          Es ist tatsächlich so, dass nicht nur Menschen mit Diabetes öfter depressiv werden, sondern auch umgekehrt depressive Menschen ein erhöhtes Risiko aufweisen, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Wahrscheinlich liegt das daran, dass aufgrund des psychischen Stresses das Insulin nicht mehr so gut wirkt. Aber auch die Einnahme von Antidepressiva könnte aufgrund einer möglichen Gewichtszunahme und Verschlechterung der Insulinwirkung einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Diabetes haben.

          Sie arbeiten als Fachpsychologe jeden Tag mit Diabetespatienten zusammen. Wie viele von diesen leiden unter einer Depression?

          Ehrlich gesagt, bin ich immer wieder überrascht, wie viele Patienten zumindest mit leichten depressiven Symptomen ich sehe. In Deutschland leidet jeder achte Mensch mit Diabetes mellitus an einer klinischen Depression, jeder dritte Patient weist eine erhöhte Depressivität auf. Damit kommen bei Menschen mit Diabetes depressive Stimmungen und Störungen etwa doppelt so häufig vor wie bei Menschen ohne Diabetes.

          Gilt das für Typ-1-Diabetespatienten genauso wie für den Typ-2-Diabetes?

          Das gilt sowohl für den selteneren Typ-1-Diabetes, der oft bereits schon in jungen Jahren auftritt, als auch für den Typ-2-Diabetes, von dem über neunzig Prozent der Menschen mit Diabetes betroffen sind.

          Gibt es Patienten, die besonders gefährdet sind?

          Ganz allgemein sind Frauen eher gefährdet, an einer Depression zu erkranken, ebenso wie Personen mit einem niedrigeren sozialen Status und Menschen, die sozial nicht gut integriert sind. Dies gilt gleichermaßen auch für Menschen mit Diabetes. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte, das Auftreten von Folgeerkrankungen oder schwere Unterzuckerungen sind zusätzliche Risikomerkmale. Allerdings bedeutet dies noch keine Aussage über mögliche Kausalitäten. Es ist wie bei dem berühmten Henne-Ei-Problem: Oft wissen wir bei einem Patienten nicht, ob dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte bei ihm zu einer depressiven Verstimmung geführt haben oder umgekehrt.

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