https://www.faz.net/-gum-8d3tp

Zika : Globaler Kampf gegen ein explosives Virus

  • -Aktualisiert am

Feldzug gegen die ägyptische Tigermücke: Ein Zwei-Mann-Team der Gesundheitsbehörde sprüht Insektizide in Recife im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco. Bild: Getty

Das Zika-Virus in Lateinamerika befeuert die Debatte um ein Verbot des Schwangerschaftsabbruchs. Denn in den meisten Staaten ist Abtreibung äußerst streng geregelt - und unter sicheren Umständen kann die sich nur die Oberschicht leisten.

          5 Min.

          Die werdenden Mütter und ihre Abtreibungsärzte wollen ihre Namen nicht genannt wissen. Das ist verständlich, denn sie haben sich gemeinschaftlich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht. Jedenfalls nach geltendem brasilianischem Recht. Mehr noch, sie haben nach Ansicht von Paulo Leão, Staatsanwalt im Bundesstaat Rio de Janeiro, einen ethisch verwerflichen „Akt der Eugenik“ begangen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Rede ist von Schwangeren in Brasilien, die sich zur illegalen Abtreibung entschließen, nachdem bei ihnen eine Infektion mit dem Zika-Virus festgestellt wurde. Dabei ist ein ursächlicher Zusammenhang mit der sich explosionsartig ausbreitenden Zika-Epidemie in Brasilien – inzwischen bis zu eineinhalb Millionen Infizierte – und der gleichfalls stark steigenden Zahl von Neugeborenen mit Mikrozephalie zumal im Nordosten des Landes noch gar nicht erwiesen.

          Nach Angaben der brasilianischen Behörden wurden seit Oktober fast 4200 Neugeborene mit Verdacht auf Mikrozephalie registriert; etwa 50 von ihnen sind inzwischen gestorben. Im Jahr 2014 wurden im ganzen Land 150 Fälle von Mikrozephalie gemeldet. Wie sich die überlebenden Säuglinge, die in den vergangenen Monaten mit der Schädelfehlbildung geboren wurden, künftig entwickeln werden, kann niemand mit Bestimmtheit voraussagen. Das Spektrum der Symptome reicht von leichten Seh- und Hörstörungen bis zu schwerster geistiger Behinderung.

          Keine allgemeine Reisewarnung

          Auch ohne eindeutigen Beweis eines Zusammenhangs zwischen Zika-Epidemie und sprunghaftem Anstieg der Mikrozephalie in Brasilien sah sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Montagabend veranlasst, den globalen Gesundheitsnotstand zu erklären. Zu diesem Schritt habe ein Gremium von 18 Fachleuten nach einer mehrstündigen Telefonkonferenz geraten, teilte die WHO in Genf mit. Es gebe eine starke räumliche und zeitliche Verbindung zwischen dem Zika-Virus und dem Auftreten von Mikrozephalie, sagte WHO-Direktorin Margaret Chan. „Wenn wir bis zum wissenschaftlichen Beweis warten, werden die Menschen uns Untätigkeit vorwerfen.“

          Mit der Ausrufung des Notstands will die WHO einen Beitrag leisten zum Kampf gegen die weitere Verbreitung des Virus und zur Erforschung des Zusammenhangs zwischen dem Erreger und der Mikrozephalie. „Wir brauchen eine koordinierte internationale Antwort, um der Sache auf den Grund zu kommen“, sagte Chan. Eine allgemeine Reisewarnung für die inzwischen 25 Länder, die von der Epidemie betroffen sind, wollte die Organisation nicht aussprechen. Auch für Beschränkungen im Handel gebe es keinen Grund. Allerdings sollten Schwangere die betreffenden Länder meiden.

          Zika-Virus : WHO ruft global Gesundheitsnotstand aus

          Diesem Aufruf schloss sich in der Nacht zum Dienstag auch die brasilianische Regierung an. Sie riet Schwangeren etwa von einer Reise zu den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro vom 5. bis zum 21.August ab. „Das Risiko für schwangere Frauen ist sehr ernst zu nehmen. Es ist für sie eindeutig nicht ratsam, dieses Risiko einzugehen“, sagte Jaques Wagner, Kabinettschef von Präsidentin Dilma Rousseff. Die Präsidentin selbst hatte in der vergangenen Woche versichert, ihr Land werde einen „ernsthaften Kampf gegen das Zika-Virus führen“.

          Bis zu 220.000 Soldaten gegen Zika

          Ihr Gesundheitsminister Marcelo Castro hatte der Stechmücke „Aedes aegypti“, die das Zika-Virus überträgt, sogar den „totalen Krieg“ erklärt. Bis zu 220.000 Soldaten sollen in den kommenden Wochen die Bevölkerung über Maßnahmen gegen die „Ägyptische Tigermücke“ unterrichten und sich zudem aktiv am Kampf mit Insektiziden und Mückenvernichtungsmitteln gegen deren weitere Vermehrung und Verbreitung beteiligen. Dabei sind die Soldaten befugt, sich gewaltsam Zutritt zu Gebäuden und Grundstücken zu verschaffen, wenn deren Bewohner oder Eigentümer nicht angetroffen werden.

          Was aber sollen schwangere Frauen in Brasilien tun, die sich nachweislich schon mit dem Zika-Virus infiziert haben? Sie sollen nach Ansicht von Paulo Leão, der nicht nur Strafverfolger in Rio de Janeiro ist, sondern auch ein führendes Mitglied der Bewegung „Brasil sem Aborto“ (Brasilien ohne Abtreibung), den möglicherweise geschädigten Fötus dennoch austragen. Mit diesem Standpunkt vertreten Leão und seine Mitstreiter, die sich für eine weitere Verschärfung des Abtreibungsverbots in Brasilien einsetzen, geltendes Recht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

          AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

          Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

          Pressefreiheit in Frankreich : Macrons Doppelmoral

          Es ist gut, dass der französische Präsident Karikaturen gegen Zensurversuche im Namen der „politischen Korrektheit“ verteidigt. Doch er wäre glaubwürdiger, wenn er die Pressefreiheit nicht an anderer Stelle selbst einschränken würde.
          Kaum zu glauben: Marco Reus unterliegt mit der Borussia gegen Köln.

          Überraschende BVB-Pleite : Dortmunder Debakel gegen Krisenklub

          Mit einem Sieg hätte die Borussia an der Bundesliga-Tabellenspitze Druck auf den FC Bayern machen können. Stattdessen unterliegt der BVB dem abgeschlagenen 1. FC Köln. Erling Haaland vergibt in der Nachspielzeit eine Großchance.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.