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Technikwahn : „Wir bringen uns um Glücksmomente“

  • -Aktualisiert am

Erleben oder fotografieren? – Selfie-Fans an einer populären Promenade im indischen Mumbai. Bild: dpa

Die Wirtschaftspsychologin Professor Sarah Diefenbach über den ständigen Blick aufs Handy, schlechte Umgangsformen und mickrige Sonnenuntergänge.

          Frau Professor Diefenbach, vermutlich kennt das jeder: Im Nachhinein ärgert man sich oft, wenn man mal wieder zu viel Zeit bei Facebook oder Instagram verbracht hat. Und trotzdem klickt man bald wieder darauf. Wieso?

          Erklärbar wäre das aus lerntheoretischer Sicht mit einem Belohnungsmechanismus: Ab und an erfährt man ja doch etwas Interessantes oder Neues – und dann besucht man die Seite immer wieder, in der Hoffnung, dass das wieder passiert. Für eine Konditionierung reicht es schon aus, in sehr unregelmäßigen Abständen belohnt zu werden; ironischerweise führt gerade das zu besonders robustem Verhalten. Das ist quasi dasselbe Prinzip wie bei Glückspielautomaten.

          Also zücken wir sofort unser Smartphone an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer, um Glück zu erfahren?

          Der Umgang mit dem Handy ist bei vielen Menschen schon reflexhaft. Sie überdenken gar nicht mehr, ob sie das jetzt wirklich wollen oder nicht, was sie dadurch bei anderen erzeugen oder selbst verpassen. Wer immer gleich ins Smartphone schaut, nimmt ja nicht nur seine Umwelt viel schlechter wahr; sondern schaut sich auch weniger um, lässt die Gedanken kaum noch schweifen, und bringt sich so womöglich um ungeplante Glücksmomente.

          Sie haben ein Buch mit dem Titel „Digitale Depression“ geschrieben. Aber die neuen Medien haben doch auch für positive Veränderungen gesorgt – zum Beispiel, dass man mit mehr Menschen einfacher in Kontakt bleiben kann als früher. Ist das nicht grundsätzlich eine erstrebenswerte Entwicklung?

          Natürlich gibt es auch viele positive Folgen. Unser Buch soll auch kein Plädoyer gegen neue Medien sein. Aber wenn sich etwas verselbständigt, wenn man den eigentlichen Sinn eines Verhaltens aus dem Auge verliert, kann es problematisch werden. Ein Beispiel: Sie fotografieren gern und richten sich deswegen einen Instagram-Account ein. Dort merken Sie wahrscheinlich sehr schnell, dass es vor allem um Likes geht, darum, Bilder zu posten, die andere möglichst gut bewerten. In so einem Umfeld ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Sie diese Verhaltensweisen schnell übernehmen und ebenfalls auf die Jagd nach Likes gehen. Das ursprüngliche Ziel – Fotografieren und Bilder teilen – gerät in den Hintergrund.

          Wie ist die Studienlage zu emotionalen Auswirkungen sozialer Medien?

          Es gibt immer mehr Untersuchungen, aber die Ergebnisse sind gemischt. Manche behaupten, Facebook mache unglücklich, andere sprechen genau vom Gegenteil.

          Wie kann es zu solch gegensätzlichen Ergebnissen kommen?

          Die Unterschiede hängen meist vom Aufbau der Studien ab – je nach Hypothesen der Forscher werden bestimmte Ausschnitte analysiert, und so kann Facebook dann je nach Blickwinkel eher glücklich oder unglücklich machen: Sich mit dem eigenen Profil in sozialen Netzwerken zu beschäftigen, soll das Selbstwertgefühl steigern. Bilder von Facebook-Freunden zu betrachten, soll hingegen traurig machen – vor allem wenn es eher entfernte Bekannte sind, die man im realen Leben kaum kennt. Da schließt man womöglich schnell vom Einzelfall aufs Allgemeine und denkt, dass die Leute ein perfektes Leben haben müssen.

          Sobald man merkt, dass einem soziale Netzwerke nicht gut tun, kann man sich ja abmelden oder gar nicht erst einen Account einrichten.

          Theoretisch schon. In der Praxis kommt man ohne aber kaum mehr durch den Alltag. Viele Sport- oder Unigruppen tauschen sich im Netz aus. Einzelne immer extra per Mail zu kontaktieren, ist viel komplizierter.

          Ein wichtiges Element sozialer Medien ist, persönliche Momente zu teilen. In der anstehenden Urlaubszeit und Hochzeitssaison werden wieder viele Bilder von Sonnenuntergängen, Stränden und glücklichen Paaren gepostet. Nun behaupten Sie, dass das problematischer ist als zu Zeiten, in denen man Fotos an einem gemütlichen Abend gezeigt hat. Wieso?

          Zum einen verlieren manche Menschen das Erlebnis an sich aus dem Auge und machen es sich womöglich sogar kaputt, weil sie zu sehr darauf aus sind, ein perfektes Foto zu machen. Hinterher sehen sie dann auf Instagram Hunderte Bilder wunderschöner Sonnenuntergänge, einige vielleicht auch stark nachbearbeitet. Da wirkt der eigene vielleicht ziemlich mickrig und gar nicht mehr so schön. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass man im Netz negatives Feedback bekommt, natürlich um ein Vielfaches höher, als wenn nur Freunde die Bilder sehen.

          Sarah Diefenbach ist Professorin für Wirtschaftspsychologie an der LMU München.

          Welche Auswirkungen haben neue Medien Ihrer Ansicht nach sonst noch auf den Umgang miteinander?

          Viele Regeln aus dem Netz verfolgen uns auch offline. Die Umgangsformen haben sich entscheidend verändert. Nehmen wir ein Beispiel, das beim Lesen fast absurd wirkt: Stellen Sie sich vor, beim gemeinsamen Frühstücken mit der Familie steht einer immer wieder auf, geht zur Wohnungstür, checkt den Briefkasten, kommt zurück. Und das Ganze zigmal. Das Verhalten wirkt grotesk; findet es aber im Kontext neuer Medien statt, finden es plötzlich alle ganz normal. Die Technik ist eine Art Freifahrtschein für bestimmte Verhaltensweisen, die eigentlich als unhöflich angesehen werden.

          Es gibt aber auch Studien, die zeigen, dass viele Leute genervt sind, dass Smartphones im Alltag so dominant sind. Oder dass manch einer in der Bahn laut telefoniert...

          Genau diese Menschen verhalten sich dann aber ihrerseits teils auch oft rücksichtslos. Ich war einmal im Urlaub auf Teneriffa und wollte mit einer Gruppe den schönen Nachthimmel anschauen. Das funktioniert natürlich nur, wenn es dunkel ist. Einige hielten es für eine gute Idee, mit ihren iPads draufzuhalten. Das Erlebnis war dann natürlich für alle passé. Aber sobald so ein Verhalten durch Technik induziert ist, scheint es oft wie eine Art Naturgewalt zu sein, die man akzeptieren muss.

          Ärgern Sie sich manchmal über Ihren Umgang mit der Technik?

          Ja, ich merke vor allem abends, dass mir die Medien manchmal nicht gut tun. Da habe ich eigentlich Feierabend; dann kommt noch eine Mail rein, und ich denke, es könnte etwas Wichtiges sein. Selbst wenn ich es schaffe, das Postfach nicht zu öffnen, belastet mich allein das Wissen, dass da etwas auf mich wartet.

          Ab wann sollte man sich Sorgen um seinen Umgang mit digitalen Medien machen?

          Die Grenze ist spätestens dann überschritten, wenn das Verhalten zu Lasten der direkten Kommunikation und der Umwelt geht, wenn Gespräche beispielsweise viel oberflächlicher werden. Und natürlich, wenn man seine eigenen Bedürfnisse vernachlässigt und keine Zeit mehr zum Durchatmen bleibt. Man ist sicher nicht per se glücklicher, wenn man Smartphones und Co einfach abschaltet und sich nirgends anmeldet. Wir plädieren in unserem Buch für einen bewussteren Einsatz der Technik. Man sollte sich im Alltag immer mal wieder beobachten und fragen, ob einem der Umgang mit Medien in einem bestimmten Moment wirklich gut tut oder eher belastet.

          „Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern“

          Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich, „Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern“; mvg-Verlag, 16,99 Euro, erscheint am 9. Mai.

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