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Technikwahn : „Wir bringen uns um Glücksmomente“

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Ein wichtiges Element sozialer Medien ist, persönliche Momente zu teilen. In der anstehenden Urlaubszeit und Hochzeitssaison werden wieder viele Bilder von Sonnenuntergängen, Stränden und glücklichen Paaren gepostet. Nun behaupten Sie, dass das problematischer ist als zu Zeiten, in denen man Fotos an einem gemütlichen Abend gezeigt hat. Wieso?

Zum einen verlieren manche Menschen das Erlebnis an sich aus dem Auge und machen es sich womöglich sogar kaputt, weil sie zu sehr darauf aus sind, ein perfektes Foto zu machen. Hinterher sehen sie dann auf Instagram Hunderte Bilder wunderschöner Sonnenuntergänge, einige vielleicht auch stark nachbearbeitet. Da wirkt der eigene vielleicht ziemlich mickrig und gar nicht mehr so schön. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass man im Netz negatives Feedback bekommt, natürlich um ein Vielfaches höher, als wenn nur Freunde die Bilder sehen.

Sarah Diefenbach ist Professorin für Wirtschaftspsychologie an der LMU München.

Welche Auswirkungen haben neue Medien Ihrer Ansicht nach sonst noch auf den Umgang miteinander?

Viele Regeln aus dem Netz verfolgen uns auch offline. Die Umgangsformen haben sich entscheidend verändert. Nehmen wir ein Beispiel, das beim Lesen fast absurd wirkt: Stellen Sie sich vor, beim gemeinsamen Frühstücken mit der Familie steht einer immer wieder auf, geht zur Wohnungstür, checkt den Briefkasten, kommt zurück. Und das Ganze zigmal. Das Verhalten wirkt grotesk; findet es aber im Kontext neuer Medien statt, finden es plötzlich alle ganz normal. Die Technik ist eine Art Freifahrtschein für bestimmte Verhaltensweisen, die eigentlich als unhöflich angesehen werden.

Es gibt aber auch Studien, die zeigen, dass viele Leute genervt sind, dass Smartphones im Alltag so dominant sind. Oder dass manch einer in der Bahn laut telefoniert...

Genau diese Menschen verhalten sich dann aber ihrerseits teils auch oft rücksichtslos. Ich war einmal im Urlaub auf Teneriffa und wollte mit einer Gruppe den schönen Nachthimmel anschauen. Das funktioniert natürlich nur, wenn es dunkel ist. Einige hielten es für eine gute Idee, mit ihren iPads draufzuhalten. Das Erlebnis war dann natürlich für alle passé. Aber sobald so ein Verhalten durch Technik induziert ist, scheint es oft wie eine Art Naturgewalt zu sein, die man akzeptieren muss.

Ärgern Sie sich manchmal über Ihren Umgang mit der Technik?

Ja, ich merke vor allem abends, dass mir die Medien manchmal nicht gut tun. Da habe ich eigentlich Feierabend; dann kommt noch eine Mail rein, und ich denke, es könnte etwas Wichtiges sein. Selbst wenn ich es schaffe, das Postfach nicht zu öffnen, belastet mich allein das Wissen, dass da etwas auf mich wartet.

Ab wann sollte man sich Sorgen um seinen Umgang mit digitalen Medien machen?

Die Grenze ist spätestens dann überschritten, wenn das Verhalten zu Lasten der direkten Kommunikation und der Umwelt geht, wenn Gespräche beispielsweise viel oberflächlicher werden. Und natürlich, wenn man seine eigenen Bedürfnisse vernachlässigt und keine Zeit mehr zum Durchatmen bleibt. Man ist sicher nicht per se glücklicher, wenn man Smartphones und Co einfach abschaltet und sich nirgends anmeldet. Wir plädieren in unserem Buch für einen bewussteren Einsatz der Technik. Man sollte sich im Alltag immer mal wieder beobachten und fragen, ob einem der Umgang mit Medien in einem bestimmten Moment wirklich gut tut oder eher belastet.

„Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern“

Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich, „Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern“; mvg-Verlag, 16,99 Euro, erscheint am 9. Mai.

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