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Brustkrebs früher erkennen : Ein Test, der noch getestet werden muss

Ist der Test zur Brustkrebs-Früherkennung des Universitätsklinikums Heidelberg eine Errungenschaft oder ein Flop? (Archivbild) Bild: dpa

Was als Sensation angekündigt wurde, ist noch gar nicht marktreif: Der medienwirksam veröffentlichte Heidelberger Test zur Brustkrebs-Früherkennung muss selbst noch getestet werden. Andere Forscher glauben nicht daran, dass er überhaupt realisiert wird.

          Die Sensationsmeldung der Universitätsklinik Heidelberg ließ 41 Millionen deutsche Frauen aufatmen. Christof Sohn, Ärztlicher Direktor der Frauenklinik, und seine Kollegin Sarah Schott meldeten Ende Februar einen „Meilenstein“ in der Brustkrebs-Früherkennung, den ersten „marktfähigen“ Bluttest zur Früherkennung der Krebsart, die in Deutschland jedes Jahr bei 70.000 Frauen neu diagnostiziert wird. „Bild“ orchestrierte die Sensation mit großen Berichten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Knapp zwei Monate später stehen die Forscher und ihre Klinik mit mehr als 10.000 Mitarbeitern und 1600 renommierten Ärzten vor einem Scherbenhaufen. Denn der Test ist keineswegs marktreif. Die Ankündigung erfolgte, ohne dass eine abgeschlossene Studie und die Veröffentlichung in einem medizinischen Fachjournal vorlag. Die Klinik, die zu den besten der Welt zählt, kommt seit Wochen nicht aus den Schlagzeilen.

          Anton Scharl, Chefarzt an der Klinik Weiden in der Oberpfalz und derzeit Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), kann bis heute nicht verstehen, warum seine Heidelberger Kollegen mit großem Trommelwirbel an die Öffentlichkeit gingen: „Der Ankündigung der Universität Heidelberg fehlt die notwendige wissenschaftliche Evidenz, um eine Früherkennungsmethode zu propagieren. Eine Blutuntersuchung, die gesunde Menschen untersucht, sollte möglichst wenig Gesunde als erkrankt einstufen“, sagt Scharl. Die „Spezifität“ des Tests sei zu niedrig. Sie liege bei unter 80 Prozent.

          Das heißt, von 1000 Frauen, die an dem Test teilnehmen, würden mehr als 200 ein auffälliges Ergebnis bekommen, das weitere Untersuchungen verlangt. „Das ist zu hoch. Bei einem solchen Test sollte die Spezifität, also die Treffgenauigkeit, möglichst nahe bei 100 Prozent liegen.“ Er habe auch Zweifel, ob es einen auf dem Prinzip „liquid biopsy“ basierenden Test in Form einer flüssigen Gewebeprobe jemals geben werde. „Denn was machen wir mit Patientinnen, die ein positives Ergebnis bekommen, bei denen wir dann aber mit bildgebenden Diagnoseverfahren kein Karzinom diagnostizieren können, weil es einfach noch zu klein ist? Wenn ich Alarm gebe, muss ich valide prüfen können, wie zutreffend dieser Alarm ist.“ In jedem Fall, so der Mediziner, hätte man eine Feldstudie mit einer großen Gruppe getesteter und einer Vergleichsgruppe nicht getesteter Frauen machen müssen. „Das Vorpreschen der Kollegen in Heidelberg kann ich mir nicht erklären. Vielleicht war es die Begeisterung über die eigenen Ergebnisse.“

          Ähnlich geht es der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) und den Fraktionen im Landtag. Alle wollen die Vorgänge nun aufklären. Das liegt auch daran, dass fast täglich neue Details bekannt werden, die kein gutes Licht auf das Klinikum werfen. So halten die Wissenschaftler Sohn und Schott Anteile an der Firma „Heiscreen“, einer branchenüblichen Ausgründung, die den Test eigentlich vermarkten sollte. An dieser Firma wiederum ist auch Jürgen B. Harder beteiligt, der Ehemann von Franziska van Almsick, der in einer Korruptionsaffäre zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden ist. Außerdem gibt es noch ein selbständiges Unternehmen mit dem Namen „Heiscreen“, das den Test in China vermarkten sollte. Man spekulierte offenbar auf einen Markt mit 600 Millionen Frauen.

          Ursprünglich erforscht haben das Verfahren offenbar nicht Sohn und Schott, sondern die chinesische Molekularbiologin Rongxi Yang. Sie verließ die Klinik 2017. Welche Gründe das hatte, konnte bislang noch nicht geklärt werden. Laut „Rhein-Neckar-Zeitung“ waren in die heikle PR-Kampagne für den Bluttest nicht nur die zuständigen Wissenschaftler involviert, sondern auch die erst 2017 von Ministerin Bauer mitberufene Leitende Ärztliche Direktorin, Annette Grüters-Kieslich, sowie der frühere „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann am Rande beteiligt. Auch der Dekan der Medizinischen Fakultät, Andreas Draguhn, soll eingewilligt haben. Er ist Physiologe, Grüters-Kieslich vertritt das Fach Pädiatrie; beide hätten als Wissenschaftler wissen müssen, dass die Wirkung des Tests weiter hätte erforscht werden müssen.

          Politiker und das Klinikum selbst wollen die Vorgänge nun mit einer Kommission aufklären; den Vorsitz soll der Präsident der Leibniz-Gesellschaft, Matthias Kleiner, übernehmen. Das Klinikum hat Strafanzeige gestellt. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg nahm Vorermittlungen auf. Es soll unter anderem geprüft werden, ob es bei der Erforschung des Tests nicht zu einem Betrugsdelikt kam.

          Die CDU-Landtagsfraktion hat eine Anfrage an das Wissenschaftsministerium gestellt. Sie will wissen, warum die mit dem Bluttest befasste Forschergruppe sich 2017 größtenteils aufgelöst hat. „Die PR-Kampagne ohne vorherige Veröffentlichung der Forschungsergebnisse in einer Fachpublikation, das komplexe Netzwerk wirtschaftlicher Nutznießer und das Ausscheiden führender Köpfe des Forscherteams im Jahr 2017 werfen Fragen auf, auf deren Beantwortung der Antrag zielt“, sagt die CDU-Landtagsabgeordnete Marion Gentges.

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