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Windpocken-Impfung : Eine windige Geschichte

  • -Aktualisiert am

Nicht unumstritten: Windpocken-Impfung Bild: kinderaertze-im-netz.de

Im Impfkalender wird für Babys eine Injektion mit Windpockenviren ab dem 11. Monat empfohlen. Doch Mediziner streiten immer noch darüber, ob Kinder grundsätzlich gegen die Krankheit geimpft werden sollten.

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          "Wollt ihr nicht zum Spielen rüberkommen? Meine Kinder haben die Windpocken!" So ähnlich lauten die Anrufe guter Freundinnen, die anderen Müttern die Gelegenheit zur Ansteckung bieten möchten. Zwei bis drei Wochen nach dem erfolgreichen Kontakt breiten sich stark juckende Papeln auf der Haut aus, werden zu Bläschen, verkrusten und fallen ab.

          Die generationenlang begrüßte frühe Ansteckung mit Windpocken - man wußte, daß die Infektion um so schlimmer verläuft, je älter die Kinder sind - dürfte indes bald ein Ende haben. Seit Juli empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko), alle Kinder gegen Windpocken zu impfen. Zwei Impfstoffe stehen hierfür zur Verfügung - Varivax und Varilrix. Beide enthalten Windpockenviren, die unschädlich gemacht wurden, so daß sie nur in seltenen Fällen selbst Windpocken hervorrufen. In dem jetzt gültigen Impfkalender soll zwischen dem 11. und dem 14. Lebensmonat geimpft werden.

          150 Millionen Euro durch die Impfung gespart

          Windpocken seien gefährlicher, als bislang angenommen, heißt es in der Begründung. Bei rund 750.000 Windpockenfällen im Jahr in Deutschland ließen sich nach einer Hochrechnung 150 Millionen Euro durch die Impfung einsparen. Nicht nur die medizinische Behandlung, auch der Zeitaufwand der Eltern, die nicht zur Arbeit gehen, sondern bei ihren kranken Kindern bleiben müssen, schlagen dabei zu Buche.

          Gelänge es, das Windpockenvirus einzudämmen, so würden schließlich auch jene davon profitieren, denen etwa wegen schlechter Immunabwehr besonders schwerwiegende Verläufe drohen. Man verweist nicht zuletzt auf die guten Erfahrungen in den Vereinigten Staaten, wo es schon seit 1995 ein Impfprogramm gegen Windpocken gibt. Dort haben die Erkankungen bis zum Jahr 2000 - je nach Region - um 70 bis 85 Prozent abgenommen.

          Weniger Komplikationen als angenommen

          Da mag es verwundern, daß sich trotzdem Widerstand regt. Die Gegner halten die derzeit verbreiteten Nachrichten über schwerwiegende Verläufe von Windpocken für überzogen. Tatsächlich gesteht auch die Stiko ein, es gebe dazu widersprüchliche Angaben. Aus einer Umfrage unter Ärzten, die von einem Impfstoffhersteller gesponsert wurde, errechnet sich etwa die sehr hohe Rate von sechs Prozent Komplikationen bei Windpocken. Die unabhängige Erhebungseinheit für seltene Kinderkrankheiten kommt indes nur auf 0,85 Komplikationen unter 100.000 Kindern. Zu den Komplikationen der Windpocken zählen bakterielle Hautinfektionen oder Reizungen zentralnervöser Strukturen des Gehirns, die wie so oft im Kindesalter gutartig verlaufen. Gefährliche Lungenentzündungen bedrohen am ehesten Erwachsene, die noch keine Windpocken durchgemacht haben.

          Auch die Einschätzung des Spareffektes ist womöglich zu optimistisch. Eine im Juni veröffentlichte Analyse stellt unmißverständlich fest, es gebe derzeit keinerlei Beweise dafür, daß die Impfstrategie bislang die Zahl der Krankenhauseinweisungen oder die Todesfälle infolge Windpockeninfektionen verringert habe. Zudem gibt es immer mehr Berichte über "Durchbruchinfektionen". Das sind Windpockenerkrankungen unter geimpften Kindern in Schulen oder Kindergärten. Zeugten frühere Beobachtungen noch von einem vergleichsweise umfassenden Schutz, so läßt eine der jüngsten Studien erkennen, daß die Impfung nur in gut der Hälfte der Fälle vor einer echten Windpockeninfektion bewahrte. Zwar verlief die Krankheit dann in der Regel weniger schwer, aber bei immerhin einem Zehntel der geimpften Kinder kam es dennoch zu beträchtlichen Beschwerden.

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