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Fiebermessen am Schultor : Wie Singapur dem Coronavirus trotzt

Angst um Tourismus: Singapur erwartet wirtschaftliche Verluste. Bild: EPA

Um Panik wegen des Coronavirus zu vermeiden, setzt Singapur auf umfangreiche Vorsorge und Kommunikation mit der Bevölkerung. Das Land muss sich aber auch auf hohe wirtschaftliche Verluste einstellen.

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          Die Schüler der deutschen Schule in Singapur müssen sich in diesen Tagen an eine neue Routine gewöhnen. Bei Ankunft am Schulgebäude wird zuallererst ihre Temperatur gemessen. „Das ist auch was, wenn man jeden Tag bei 2500 Schülern und Mitarbeitern messen muss“, sagt der aus Deutschland stammende Schuldirektor Christof Martin. Zudem müssen die Schüler regelmäßig die Hände waschen. Sobald sie irgendwelche Symptome zeigen, sind sie angehalten, eine Atemschutzmaske zu tragen. Die Kinder werden zeitlich versetzt in die Pausen geschickt, damit sich nur kleinere Gruppen gleichzeitig auf dem Pausenhof aufhalten. Versammlungen von mehr als 50 Personen finden nicht mehr statt, Veranstaltungen und Klassenfahrten werden abgesagt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Der Grund für die Maßnahmen ist das Coronavirus, das sich auch in einigen Ländern Südostasiens verbreitet. Sofern man die 175 positiv getesteten Passagiere auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess vor der japanischen Küste nicht mitzählt, verzeichnet Singapur mit mittlerweile 50 Fällen die höchste Zahl an nachgewiesenen Ansteckungen außerhalb Chinas und Hongkongs. Am Mittwoch musste im Geschäftsviertel der Finanzmetropole ein Stockwerk mit 300 Angestellten von Singapurs größter Bank geräumt werden, weil bei einem Mitarbeiter das Coronavirus festgestellt worden war. Nachdem die Warnstufe in dem Stadtstaat am vergangenen Freitag auf Orange angehoben worden war, war es zu Panikkäufen unter anderem von Reis, Instantnudeln und Klopapier gekommen.

          25 Prozent weniger Touristen erwartet

          Die Regierung musste daraufhin die Bevölkerung beruhigen: Die Versorgungslage sei gesichert, der Stadtstaat mit mehr als fünf Millionen Einwohnern verfüge über ausreichende Lagerbestände. „Furcht kann mehr Schaden anrichten als das Virus selbst“, warnte der Ministerpräsident Lee Hsien Loong in einer Videobotschaft an die Nation. Er mahnte dazu, ruhig zu bleiben, Vorsichtmaßnahmen zu ergreifen und sich gegenseitig zu helfen. Allerdings muss sich die Metropole auch auf hohe wirtschaftliche Verluste durch die Auswirkungen der Krise einstellen. Unternehmen berichten von verunsicherten Kunden und ausbleibenden Aufträgen. Es wird erwartet, dass die Zahl der Touristen in diesem Jahr um 25 bis 30 Prozent niedriger liegen wird.

          Abgesehen von einer anfänglichen Nervosität habe er an der Deutschen Schule von Panik noch nichts bemerkt, sagt Schulleiter Christof Martin. „Das hat sich ganz schnell eingependelt.“ Den Familien sei freigestellt, ob sie ihre Kinder in dieser Situation zur Schule schicken wollen. „Sie können bis zum Ende der Woche sagen, ‚Mir ist das zu heiß, mein Kind bleibt zu Hause‘.“ Doch von dieser Option hätten bislang nur 50 bis 60 Familien Gebrauch gemacht. Allerdings bereitet sich die Schule auch schon auf den nächsten Schritt vor. Wenn bei einer stärkeren Ausbreitung des Virus die Warnstufe Rot ausgerufen wird, werden in Singapur auch alle Schulen geschlossen. Dafür hat die Schule einen Plan entwickelt, bei dem die Schüler auf Laptops und iPads zu Hause unterrichtet werden können – möglichst sogar nach dem regulären Stundenplan.

          Das Institut mit rund 1840 Schülerinnen und Schülern, das offiziell den Namen German European School Singapore (GESS) trägt, ist eine von diversen internationalen Bildungsinstitutionen in dem Stadtstaat. Sorgen bereitet dem Schulleiter die Aussicht, dass doch noch Panik in Singapur ausbricht und sich auf die Schulgemeinschaft überträgt. Doch wie seine Schule geht der wohlorganisierte Staat derzeit recht souverän mit der Bedrohung um. Unter anderem wird zunehmend daheim oder in Schichtdiensten gearbeitet, um die Ansteckungsgefahr in den Büros zu vermindern. Aufgrund ausverkaufter Bestände verteilt die Regierung Millionen von Schutzmasken an die Haushalte.

          Schule richtet Krisenstab ein

          Die relativ hohe Zahl der Fälle wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass Singapur besonders sorgfältig der Erkrankung nachgeht. Relativ hohe Zahlen gibt es in Südostasien etwa auch in Thailand, das von vielen chinesischen Touristen besucht wird. Als große Ausnahme in der Region erscheint Indonesien, das trotz einer Bevölkerung von 260 Millionen Menschen und einem regen Besucherstrom aus China etwa nach Bali noch keinen einzigen Corona-Fall zu verzeichnen hat. Das hat Fragen aufgeworfen, ob die Testmöglichkeiten in dem Land ausreichend sind.

          Der reiche Stadtstaat Singapur kann seinerseits auf ein erstklassiges Gesundheitssystem, viel Expertise und Erfahrungen mit der Sars-Pandemie zurückgreifen. Zur Krisenbewältigung gehört auch eine intensive Informationspolitik mit mehrmaligen täglichen Lageberichten. Die richtige Kommunikationsstrategie sieht auch Schulleiter Martin als Grund dafür, dass die Krise an seiner Schule bisher einigermaßen glimpflich abgelaufen ist. „Da spielt das Psychologische eine wichtige Rolle. Uns war gleich klar, dass wir das ernst nehmen und auch die Elternschaft und die Kollegen bestmöglich informieren wollen“, sagt er. Die Schule verschickt regelmäßig E-Mails und hat eine Website mit Informationen für Eltern eingerichtet.

          Schon mit Bekanntwerden der ersten Fälle in Singapur hatte die Schule einen Krisenstab eingerichtet, der seither einmal täglich tagt. Mitarbeiter, die in den Ferien zum chinesischen Neujahrsfest in China gewesen waren oder anderweitigen Kontakt hatten, wurden vorübergehend beurlaubt. Dies traf aber nur auf zwei Personen zu. Der Direktor selbst, der vor 20 Jahren schon als Schulleiter in Ecuador Erdbeben und Revolten miterlebt hatte, verbrachte die Ferien auf Bali, als sich abzeichnete, dass das Virus auch Singapur treffen würde. Im Urlaub koordinierte er mit dem Handy am Strand die Reaktion der Schule. Kollegen und Mitarbeiter, die in Deutschland waren, wurden gebeten, Gesichtsmasken und Fieberthermometer mitzubringen; Produkte, die in Singapur zu dem Zeitpunkt längst ausverkauft waren.

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