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Therapie im Klinikum Mainkofen : Reifeprobe mit Alpakas

  • -Aktualisiert am

Hat man Alpakas an der Leine, wird man angesprochen: Silke Lederbogen, ihr Mann Georg Jungnitsch (Mitte) und einer ihrer Schützlinge führen die Tiere zur Weide. Bild: Jan Roeder

Im niederbayerische Bezirksklinikum Mainkofen werden psychisch kranke Straftäter in der geschlossenen Abteilung mit Alpakas therapiert. Das soll eine Verhaltensänderung bewirken und langfristig bei der Resozialisierung helfen. Angefangen hat alles mit einer Bachelorarbeit.

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          Herr A. steht bei Nieselregen und ein paar Grad über Null im Matsch. Das macht ihm nichts aus, im Gegenteil. Er ist gerne hier draußen bei den Alpakas, mistet auch im Regen die Weide ab, richtet das Futter her, rollt Heuballen oder krault, wie jetzt im Moment, sein Lieblings-Alpaka Sancho an der lockigen Stirn. „Ja, du bist mein Bester.“ Dann blickt er zur Seite, ruft „ganz ruhig, Christallo“, weil Christallo gerade mit ein paar Sprüngen die übrigen Alpakas aufmischt, die neugierig am Drahtzaun stehen.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Bei den Alpakas“, beginnt A. und stapft zum Stall, um die Futtertüte in Sicherheit zu bringen, die frei verfügbar an der Holztür hängt, was ein paar Alpakas schon mitbekommen haben, „bei den Alpakas ist immer was los, anders als drinnen.“ Draußen bei den Alpakas ist A., ein kräftiger Mann Mitte 40, grüner Parka, grünes Käppi, das eisgraue Haar kurz gestutzt, zwei- bis dreimal in der Woche, jedes Mal bis zu drei Stunden lang.

          Danach muss A. sofort wieder „nach drinnen“, auf die Station. Wenn A. nicht pünktlich wieder da ist, ruft die Station ihn auf einem Handy an, das er nur auf dem Gelände benutzen darf. Geht er nicht ans Telefon, wird die Fahndung ausgelöst. Dann übernimmt die Polizei.

          Nicht die ersten Tiere in Mainkofen

          Das Alpakagelände gehört zum Bezirksklinikum Mainkofen in Niederbayern, einer Klinik für Psychiatrie, Forensische Psychiatrie und Neurologie. Eine weitläufige Anlage, mit alten Bäumen, viel Jugendstil, einem großen Brunnen. Nichts erinnert an geschlossene Anstalten, vieles an evangelische Bildungswerke. Seit Oktober werden in Mainkofen psychisch kranke und suchtkranke Straftäter im Rahmen der „tiergestützten Intervention“ (TGI) mit Alpakas therapiert. Fünf Männer aus der geschlossenen Abteilung, einer davon ist A., nehmen an der Therapie mit den Tieren teil. Sie wurden unter den insgesamt 195 Straftätern ausgewählt, denn nur sie erfüllen die notwendige Voraussetzung: Sie haben Lockerungsstufe B.

          Bis dahin kann es ein langer Weg sein. Angefangen wird mit Stufe 0, kein Ausgang. Dann kommt Stufe A, die Erlaubnis, in Begleitung auf das Klinikgelände zu gehen. Wer Stufe B schafft, dem wird schon etwas zugetraut: Er darf alleine raus auf das nicht abgesperrte Gelände, jeden Tag zwei Stunden lang, am Wochenende drei bis vier Stunden. Aber nur in den „grünen Bereich“. Tabu sind das Schwesternwohnheim und der Gemeindekindergarten, der 200 Meter von der forensischen Psychiatrie entfernt ist. Nur wer Stufe B hat, darf auch zu den Alpakas.

          Die elf Neuweltkameliden, zu denen Alpakas ebenso wie Lamas zählen, sind nicht die ersten Tiere in Mainkofen – aber die exotischsten. Es gibt Fische, Hunde und Pferde, die in der Allgemeinpsychiatrie und der forensischen Psychiatrie eingesetzt werden. Bei Straftätern soll der Umgang mit den Tieren auf eine Verhaltensänderung und langfristig auf die Resozialisierung hinwirken.

          Das können kleine Schritte sein. Fische zu beobachten kann beruhigend wirken, die Pflege eines Bienenstocks besonnenes Handeln stärken: Bienen geben „sofort ein klares Feedback“, sagt die Sozialpädagogin Silke Lederbogen, die in Mainfranken die TGI leitet. Hunde hingegen wirken bei Straftätern mehr „atmosphärisch“. Ist der Therapiehund dabei, wenn der Arzt über die Rücknahme von Lockerungen informiert, kann das viel Spannung nehmen.

          Angefangen hat es mit einer Bachelorarbeit

          „Der Arzt ist in einer Doppelrolle“, sagt Johannes Schwerdtner, Chefarzt der Forensischen Klinik. „Einerseits soll er unterstützen, andererseits ist er oft der ,Scheiß-Therapeut'. Er wird für den Freiheitsentzug verantwortlich gemacht, er gibt die Marschrichtung vor. Kommt der Hund dazu, der gestreichelt werden will, ist es ein ganz anderes Setting. Das kommt dem Verhältnis zwischen Arzt und Patienten zugute.“ Zudem habe die Pflege der Fische, Bienen oder Alpakas disziplinierende Wirkung: Straftäter, die bislang im Leben nie eine Struktur hatten, lernten so, Verantwortung zu übernehmen, Regeln einzuhalten, ihren Tag zu organisieren.

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