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Eine aufgerissene 3-Gramm-Tüte der Gewürzmischung „Spice“ mit herausgequollenem Inhalt Bild: Felix Seuffert

Synthetische Drogen : Folgenschwere Mischungen

  • -Aktualisiert am

Sogenannte „Legal Highs“ sind lebensgefährliche Drogen. Medizin und Politik versuchen zwar seit Jahren, ihre Verbreitung in Deutschland zu verhindern, doch bisher ohne großen Erfolg.

          Es sind doch nur ein paar Kräuter. Das denkt sich Jakob Alev, als ihm ein Kumpel einen Joint anbietet. Ein wenig riecht der zwar nach verbrannten Reifen, aber viel stärker als Marihuana wird er schon nicht sein. Jakob Alev zieht. Einmal, zweimal, dreimal. Dann ist er weg. Sein Gehirn droht zu platzen, die Welt um ihn gleich mit, seine Hände zittern. Alev muss sich hinlegen und schläft sofort ein. Sechs Stunden später erwacht er wieder.

          Das war im Jahr 2009. Jakob Alev, der eigentlich anders heißt, hatte gerade seine Ausbildung bei einem Baumarkt begonnen, später will er sein Abitur nachholen. Er stammt aus München, genauer aus Hasenbergl. Einem Neubauviertel im Norden, mit allem, was man in München nicht vermutet: Armut, Gewalt und Drogen.

          Mit 13 hat Alev seinen ersten Cannabis-Joint geraucht, mit 17 zum ersten Mal „Kräuter“, wie sein Kumpel sie nennt. Vier Jahre später hat er keinen Ausbildungsplatz mehr, das Abitur abgebrochen. Im Jahr 2013 kann er sich ein Leben ohne Kräuter nicht mehr vorstellen.

          Besser bekannt sind diese Kräuter unter ihrem englischen Namen: „Spice“. Spice zählt zu den sogenannten Neuen psychoaktiven Substanzen (NpS). Sie sind der Oberbegriff für chemisch-synthetische Stoffe, die bekannten Drogen wie Cannabis, Ecstasy oder Amphetaminen ähneln. Ihre Wirkung ist jedoch viel stärker und intensiver.

          In einem geistig verwirrten Zustand

          NpS finden seit Jahren in Deutschland eine immer größere Verbreitung. Das zeigt allein die Zahl der Drogentoten: 2016 sind hierzulande 1333 Menschen infolge ihres Drogenkonsums gestorben, 98 davon wegen NpS. Ein Jahr zuvor gab es 1226 Drogentote in Deutschland, 39 von ihnen nahmen NpS.

          Medizin und Politik haben das Problem erkannt und Maßnahmen getroffen: Es gibt vermehrt Forschungsansätze und neue Gesetze. Die Wirkungen aller Maßnahmen scheinen jedoch auszubleiben.

          Vor gut neun Jahren habe er erstmals mit Patienten Kontakt gehabt, die Spice konsumierten, sagt Norbert Wodarz, Professor am Zentrum für Suchtmedizin der Universitätsklinik Regensburg. „Es hat eine Weile gedauert, bis man herausgefunden hat, was in diesem Spice überhaupt drin ist“, sagt der Mediziner. Schließlich habe man die in diesen Kräutermischungen enthaltenen eigentlichen Wirkstoffe gefunden: synthetische Cannabinoide, eine Art hochwirksamer, chemischer Cannabis-Ersatz. Spice ist mittlerweile gut erforscht, aber für andere ähnliche Substanzen gelte das immer noch nicht. Vor einiger Zeit sei ein Patient in die Klinik gekommen, der sich in einem völlig desorientierten und geistig verwirrten Zustand befunden habe. Fünf Tage lang wussten Wodarz und seine Kollegen nicht, was er genommen haben konnte, erst ein Freund des Patienten konnte es ihnen verraten.

          Die „Zombies von New York“

          „Die meisten Patienten wissen gar nicht, wie viel sie von was konsumieren, und selbst wenn sie es wüssten, könnten sie es in ihrem Zustand nicht sagen. Der Nachweis ist hochaufwendig und dauert für eine Behandlungsentscheidung viel zu lange“, sagt Wodarz. Schon ein paar Züge an einer mit NpS gefüllten Zigarette können zu Ohnmachtsanfällen führen; eine Überdosierung sogar zum Tod. Und da bei vielen Konsumenten nach wie vor große Unwissenheit über die Mengen und Inhaltsstoffe bei NpS vorherrsche, sei das Überdosierungsrisiko bei diesen Stoffen besonders hoch, so Wodarz. „Die NpS sind besorgniserregende Drogen.“

          Meldungen über NpS oder „Legal Highs“, so ihr umgangssprachlicher und verharmlosender Name, haben es häufig unter die Rubrik „Vermischtes“ in Zeitungen geschafft. In New York geisterten vor einem Jahr 33 erwachsene Männer durch Brooklyn. Sie waren nicht mehr ansprechbar, kollabierten mitten auf der Straße und begannen heftig zu zittern. 18 von ihnen wurden in Krankenhäuser eingeliefert. Die „Zombies von New York“, wie sie die Lokalpresse taufte, hatten zuvor eine synthetische Kräutermischung konsumiert, die wirkte wie der Cannabisstoff THC. Nur 85 Mal stärker.

          Auf dem Markt als harmlose Kräutermischungen und keiner weiß, was wirklich drin ist.

          Auch in Berlin häuften sich in den vergangenen Wochen und Monaten Berichte über die sogenannte Bonzai-Droge. Drogendealer verkaufen Cannabis-Joints, in denen sich Bonzai befindet. Nach ein paar Zügen klappen die Konsumenten zusammen. Häufig werden sie dann direkt von Dealern ausgeraubt. Auch Bonzai zählt zu den synthetischen Cannabinoiden und somit zu den NpS. Eine andere bekannte NpS-Droge sind die „Badesalze“ (eigentlich Mephedron). Sie sind synthetische Cathinone und werden in Pulver- oder Tablettenform eingenommen.

          Das UN-Büro für Drogen und Verbrechensbekämpfung hat seit 2008 über 650 neue Substanzen registriert, die als NpS gelten. Nur durch geringfügige Veränderungen der chemischen Verbindungen sorgen die Hersteller, meist aus China oder Indien, so für ein möglichst großes, unüberschaubares Angebot.

          500.000 Konsumenten im Jahr 2016

          Nachdem Jakob Alev seinen ersten Spice-Joint geraucht hatte, rührte er das grüne Zeug ein paar Wochen erst einmal nicht an. Doch irgendwann kam wieder ein Freund vorbei, sie rauchten wieder einen Joint. Von da an bestellte Alev Spice im Internet auf legalen Seiten – ganz ohne Dealer. „30 Euro habe ich für fünf Gramm ausgegeben. Das war ein Schnäppchen.“ Geliefert wurden die Drogen per Post. Alev musste nur den Postboten abfangen, damit seine Mutter nichts mitbekam. In einem Karton waren in dicker Luftpolsterfolie die Packungen versteckt: Mal war ein Smiley drauf, mal ein Totenkopf, mal eine Sonnenblume. Woher die Droge kam und was sich darin befindet, das hat ihn nicht interessiert.

          Wichtiger sei ihm stattdessen gewesen: Dadurch, dass der Körper die Kräuter sehr schnell abbaut, lassen sie sich nicht mehr so leicht nachweisen. Alev konnte rauchen, anschließend Auto fahren und wurde nicht erwischt. Das Spice wurde so zum festen Bestandteil seines Alltags. Irgendwann war es so weit, dass er schon in der Schule während des Unterrichts hibbelig wurde, den Unterrichtsschluss nicht erwarten konnte, er bekam Schweißausbrüche. In der Pause ging er auf den Schulhof, rauchte und alles schien wieder gut. Trotzdem: „Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich süchtig bin“, sagt er heute. Er hinterfragte diese Drogen auch nicht, als einer seiner Kumpels einmal während des Konsums neben ihm zusammenbrach. Zwanzig Minuten habe dieser nur dagelegen und gezittert. Dann kam der Krankenwagen und brachte ihn ins Krankenhaus. Er überlebte.

          Leichte Verfügbarkeit, günstige Preise oder die Suche nach einem aufregenden Drogenerlebnis – es sind Gründe wie diese, die zu einer Verbreitung der NpS gerade bei jüngeren Erwachsenen führen. In ihrem Drogen- und Suchtbericht für 2017 geht die Bundesregierung davon aus, dass fast 500.000 Deutsche 2016 NpS konsumiert haben. Besonders unter den 18- bis 30-Jährigen sind die Drogen beliebt.

          Süddeutschland besonders betroffen

          Die Zahl der NpS-Konsumenten und der NpS-Toten in Deutschland steigt schon seit Jahren, und so sah sich die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert. Einige der Stoffe sind eigentlich dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) unterstellt. Doch durch die ständigen Verbindungsänderungen können Hersteller das BtMG leicht umgehen. Daher hat das Bundesgesundheitsministerium 2016 das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) erarbeitet: Damit werden erstmals Verbindungen mit den beiden häufigsten für NpS genutzten Stoffgruppen der synthetischen Cannabinoide und der 2-Phenylethylamine verboten. Wobei nicht ihr Konsum verboten ist, sondern der Erwerb, der Besitz und der Handel: „Das NpSG verfolgt in erster Linie das Ziel, gegen Hersteller und Händler neuer psychoaktiver Stoffe vorzugehen“, erklärt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler.

          Schon beim Inkrafttreten im November 2016 haben viele Drogenexperten die Wirksamkeit eines solchen Gesetzes allerdings bezweifelt. Auch Suchtmediziner Norbert Wodarz hat Bedenken. Das Gesetz sei grundsätzlich nicht falsch. Dennoch gehe er davon aus, dass „sich mit dem NpSG die Situation nicht unbedingt zum Besseren“ verändere, „weil dann noch gefährlichere Substanzen aus anderen Substanzgruppen nachdrängen könnten“.

          Seine Vermutung scheint sich zu bestätigen. Zumindest ergeben das Nachfragen bei den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg und Bayern, in beiden Ländern gibt es die meisten NpS-Toten in Deutschland. Seit Inkrafttreten des Gesetzes habe das LKA Bayern „Ausweichbewegungen“ in Richtung der Wirkstoffklasse der Tryptamine festgestellt, so Ludwig Waldinger, Kriminaloberkommissar des LKA Bayern. Drogen aus der Klasse der Tryptamine sind nur schlecht erforscht. Ihre Wirkung sei jedoch länger und intensiver, heißt es in Internetforen. Aber auch die Verbreitung von Cannabinoiden wie Spice und Bonzai ist weiterhin groß. Waldinger: „Die herausragende Popularität der synthetischen Cannabinoide scheint aktuell ungebrochen.“

          „Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel“, sagt auch Thomas Neugebauer vom LKA Baden-Württemberg. An der alltäglichen Arbeit der Beamten habe sich durch das Gesetz nichts geändert. Der Handel finde sowieso meist im Internet statt und lasse sich da schwer eindämmen. Wenn sie einen Konsumenten mit NpS erwischen, könnten sie zwar die Stoffe einbehalten, müssten ihn aber weiterhin freilassen. „Wir haben auch aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Möglichkeit, dessen Daten zu speichern“, sagt Neugebauer.

          Das Bundesgesundheitsministerium will das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz bis 2019 evaluieren und hält sich die Aufnahme weiterer Stoffgruppen offen. Die ersten Ermittlungserfolge und eingeleitete Strafverfahren hätten aber gezeigt, „dass das Gesetz insgesamt auf einem sehr guten Weg ist“, so die Drogenbeauftragte Mortler.

          Ein weiteres noch nicht wirklich gelöstes Problem in Sachen NpS ist die Behandlung dieser Patienten. Oliver Pogarell ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum München und Leiter der dortigen Suchtambulanz. Meistens kommen die Patienten über Suchtberatungen oder Anlaufstellen der Klinik zu ihm auf die Station. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die NpS-Konsumenten eine erhebliche psychiatrische Komorbidität haben können“, so Pogarell. Sie leiden häufiger unter Psychosen, Impulskontrollstörungen und weisen eine erhöhte Aggressivität auf. Das ist ein Problem für die Behandlung. Auch Pogarell bestätigt: „Die Stoffe sind sehr heterogen und für uns daher wenig greifbar.“ Wie in anderen Suchttherapien gelte aber auch hier, die Patienten gesundheitlich zu stabilisieren und ihr Alltagsleben langsam wieder zu strukturieren. Das sei gerade bei den besonderen Auffälligkeiten aber eine Herausforderung.

          „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens“

          Daher braucht es langfristige Therapiestrategien, die es bisher noch nicht gibt. Suchtmediziner Norbert Wodarz schlägt mehr Prävention und Information vor und setzt auf Behandlungskliniken, die auf NpS-Patienten ausgerichtet sind. In Großbritannien existieren diese bereits.

          Auch sollte man die Möglichkeit des „Drug-Checking“ in Deutschland erleichtern, meinen Experten, wie es beispielsweise in Österreich schon oft am Rande großer Veranstaltungen angeboten wird. Ein Verfahren, das von den Konsumenten vor dem Konsum in Anspruch genommen werden kann. Offizielle Stellen können enthaltene Drogen in Gemischen innerhalb von fünf bis zehn Minuten identifizieren. Die Hoffnung dahinter: Es würden mehr Konsumenten die Finger von den Stoffen lassen, wenn sie wüssten, dass in den Drogen Bestandteile sind, die ihrem Körper massiv schaden. Bislang scheitert die Einführung von Drug-Checking in Deutschland jedoch an politischen Vorbehalten.

          Eine Therapie hatte Jakob Alev damals nicht gemacht. Seine Mutter fand die Drogen noch im Jahr 2013 in seiner Tasche. Sie stellte ihn zur Rede; er versprach aufzuhören. Alev wagte einen Entzug auf eigene Faust: „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Vier Wochen sei er depressiv gewesen, blieb nur zu Hause, schwitzte unendlich, verlor 18 Kilo. Letztlich hat er es aber geschafft und weiß heute: „Ich habe gerade noch so die Kurve gekriegt.“

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