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Synthetische Drogen : Folgenschwere Mischungen

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Seine Vermutung scheint sich zu bestätigen. Zumindest ergeben das Nachfragen bei den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg und Bayern, in beiden Ländern gibt es die meisten NpS-Toten in Deutschland. Seit Inkrafttreten des Gesetzes habe das LKA Bayern „Ausweichbewegungen“ in Richtung der Wirkstoffklasse der Tryptamine festgestellt, so Ludwig Waldinger, Kriminaloberkommissar des LKA Bayern. Drogen aus der Klasse der Tryptamine sind nur schlecht erforscht. Ihre Wirkung sei jedoch länger und intensiver, heißt es in Internetforen. Aber auch die Verbreitung von Cannabinoiden wie Spice und Bonzai ist weiterhin groß. Waldinger: „Die herausragende Popularität der synthetischen Cannabinoide scheint aktuell ungebrochen.“

„Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel“, sagt auch Thomas Neugebauer vom LKA Baden-Württemberg. An der alltäglichen Arbeit der Beamten habe sich durch das Gesetz nichts geändert. Der Handel finde sowieso meist im Internet statt und lasse sich da schwer eindämmen. Wenn sie einen Konsumenten mit NpS erwischen, könnten sie zwar die Stoffe einbehalten, müssten ihn aber weiterhin freilassen. „Wir haben auch aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Möglichkeit, dessen Daten zu speichern“, sagt Neugebauer.

Das Bundesgesundheitsministerium will das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz bis 2019 evaluieren und hält sich die Aufnahme weiterer Stoffgruppen offen. Die ersten Ermittlungserfolge und eingeleitete Strafverfahren hätten aber gezeigt, „dass das Gesetz insgesamt auf einem sehr guten Weg ist“, so die Drogenbeauftragte Mortler.

Ein weiteres noch nicht wirklich gelöstes Problem in Sachen NpS ist die Behandlung dieser Patienten. Oliver Pogarell ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum München und Leiter der dortigen Suchtambulanz. Meistens kommen die Patienten über Suchtberatungen oder Anlaufstellen der Klinik zu ihm auf die Station. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die NpS-Konsumenten eine erhebliche psychiatrische Komorbidität haben können“, so Pogarell. Sie leiden häufiger unter Psychosen, Impulskontrollstörungen und weisen eine erhöhte Aggressivität auf. Das ist ein Problem für die Behandlung. Auch Pogarell bestätigt: „Die Stoffe sind sehr heterogen und für uns daher wenig greifbar.“ Wie in anderen Suchttherapien gelte aber auch hier, die Patienten gesundheitlich zu stabilisieren und ihr Alltagsleben langsam wieder zu strukturieren. Das sei gerade bei den besonderen Auffälligkeiten aber eine Herausforderung.

„Es war die schlimmste Zeit meines Lebens“

Daher braucht es langfristige Therapiestrategien, die es bisher noch nicht gibt. Suchtmediziner Norbert Wodarz schlägt mehr Prävention und Information vor und setzt auf Behandlungskliniken, die auf NpS-Patienten ausgerichtet sind. In Großbritannien existieren diese bereits.

Auch sollte man die Möglichkeit des „Drug-Checking“ in Deutschland erleichtern, meinen Experten, wie es beispielsweise in Österreich schon oft am Rande großer Veranstaltungen angeboten wird. Ein Verfahren, das von den Konsumenten vor dem Konsum in Anspruch genommen werden kann. Offizielle Stellen können enthaltene Drogen in Gemischen innerhalb von fünf bis zehn Minuten identifizieren. Die Hoffnung dahinter: Es würden mehr Konsumenten die Finger von den Stoffen lassen, wenn sie wüssten, dass in den Drogen Bestandteile sind, die ihrem Körper massiv schaden. Bislang scheitert die Einführung von Drug-Checking in Deutschland jedoch an politischen Vorbehalten.

Eine Therapie hatte Jakob Alev damals nicht gemacht. Seine Mutter fand die Drogen noch im Jahr 2013 in seiner Tasche. Sie stellte ihn zur Rede; er versprach aufzuhören. Alev wagte einen Entzug auf eigene Faust: „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Vier Wochen sei er depressiv gewesen, blieb nur zu Hause, schwitzte unendlich, verlor 18 Kilo. Letztlich hat er es aber geschafft und weiß heute: „Ich habe gerade noch so die Kurve gekriegt.“

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