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Synthetische Drogen : Folgenschwere Mischungen

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Auf dem Markt als harmlose Kräutermischungen und keiner weiß, was wirklich drin ist.

Auch in Berlin häuften sich in den vergangenen Wochen und Monaten Berichte über die sogenannte Bonzai-Droge. Drogendealer verkaufen Cannabis-Joints, in denen sich Bonzai befindet. Nach ein paar Zügen klappen die Konsumenten zusammen. Häufig werden sie dann direkt von Dealern ausgeraubt. Auch Bonzai zählt zu den synthetischen Cannabinoiden und somit zu den NpS. Eine andere bekannte NpS-Droge sind die „Badesalze“ (eigentlich Mephedron). Sie sind synthetische Cathinone und werden in Pulver- oder Tablettenform eingenommen.

Das UN-Büro für Drogen und Verbrechensbekämpfung hat seit 2008 über 650 neue Substanzen registriert, die als NpS gelten. Nur durch geringfügige Veränderungen der chemischen Verbindungen sorgen die Hersteller, meist aus China oder Indien, so für ein möglichst großes, unüberschaubares Angebot.

500.000 Konsumenten im Jahr 2016

Nachdem Jakob Alev seinen ersten Spice-Joint geraucht hatte, rührte er das grüne Zeug ein paar Wochen erst einmal nicht an. Doch irgendwann kam wieder ein Freund vorbei, sie rauchten wieder einen Joint. Von da an bestellte Alev Spice im Internet auf legalen Seiten – ganz ohne Dealer. „30 Euro habe ich für fünf Gramm ausgegeben. Das war ein Schnäppchen.“ Geliefert wurden die Drogen per Post. Alev musste nur den Postboten abfangen, damit seine Mutter nichts mitbekam. In einem Karton waren in dicker Luftpolsterfolie die Packungen versteckt: Mal war ein Smiley drauf, mal ein Totenkopf, mal eine Sonnenblume. Woher die Droge kam und was sich darin befindet, das hat ihn nicht interessiert.

Wichtiger sei ihm stattdessen gewesen: Dadurch, dass der Körper die Kräuter sehr schnell abbaut, lassen sie sich nicht mehr so leicht nachweisen. Alev konnte rauchen, anschließend Auto fahren und wurde nicht erwischt. Das Spice wurde so zum festen Bestandteil seines Alltags. Irgendwann war es so weit, dass er schon in der Schule während des Unterrichts hibbelig wurde, den Unterrichtsschluss nicht erwarten konnte, er bekam Schweißausbrüche. In der Pause ging er auf den Schulhof, rauchte und alles schien wieder gut. Trotzdem: „Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich süchtig bin“, sagt er heute. Er hinterfragte diese Drogen auch nicht, als einer seiner Kumpels einmal während des Konsums neben ihm zusammenbrach. Zwanzig Minuten habe dieser nur dagelegen und gezittert. Dann kam der Krankenwagen und brachte ihn ins Krankenhaus. Er überlebte.

Leichte Verfügbarkeit, günstige Preise oder die Suche nach einem aufregenden Drogenerlebnis – es sind Gründe wie diese, die zu einer Verbreitung der NpS gerade bei jüngeren Erwachsenen führen. In ihrem Drogen- und Suchtbericht für 2017 geht die Bundesregierung davon aus, dass fast 500.000 Deutsche 2016 NpS konsumiert haben. Besonders unter den 18- bis 30-Jährigen sind die Drogen beliebt.

Süddeutschland besonders betroffen

Die Zahl der NpS-Konsumenten und der NpS-Toten in Deutschland steigt schon seit Jahren, und so sah sich die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert. Einige der Stoffe sind eigentlich dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) unterstellt. Doch durch die ständigen Verbindungsänderungen können Hersteller das BtMG leicht umgehen. Daher hat das Bundesgesundheitsministerium 2016 das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) erarbeitet: Damit werden erstmals Verbindungen mit den beiden häufigsten für NpS genutzten Stoffgruppen der synthetischen Cannabinoide und der 2-Phenylethylamine verboten. Wobei nicht ihr Konsum verboten ist, sondern der Erwerb, der Besitz und der Handel: „Das NpSG verfolgt in erster Linie das Ziel, gegen Hersteller und Händler neuer psychoaktiver Stoffe vorzugehen“, erklärt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler.

Schon beim Inkrafttreten im November 2016 haben viele Drogenexperten die Wirksamkeit eines solchen Gesetzes allerdings bezweifelt. Auch Suchtmediziner Norbert Wodarz hat Bedenken. Das Gesetz sei grundsätzlich nicht falsch. Dennoch gehe er davon aus, dass „sich mit dem NpSG die Situation nicht unbedingt zum Besseren“ verändere, „weil dann noch gefährlichere Substanzen aus anderen Substanzgruppen nachdrängen könnten“.

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