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Stammzellen spenden : Zwilling gesucht

  • -Aktualisiert am

Eine Probe der Mundschleimhaut reicht für das Feststellen der Gewebemerkmale. Bild: Picture-Alliance

Wer Stammzellen spendet, hat nicht nur die Möglichkeit, das Leben eines anderen Menschen retten. Auch die Sicht auf das eigene Leben kann sich grundlegend verändern. Die Geschichte einer Stammzellenspende.

          Nein, Mirko Meyne neigt nicht zum Größenwahn. Der Anwalt mit Gemeinschaftskanzlei in der Frankfurter Innenstadt steht mit beiden Beinen im Leben. Und trotzdem fühlte er sich im vergangenen Jahr ein paar Wochen lang „wie ein Auserwählter“. Euphorisiert sei er gewesen, berichtet der 35-Jährige: „als hätte ich was Tolles gewonnen“. Dabei war er im Gegenteil kurz davor, etwas zu verschenken, und zwar etwas ziemlich Persönliches: seine Stammzellen. Und das an einen wildfremden, an Blutkrebs erkrankten Menschen.

          Nur etwa ein Prozent aller in Knochenmarkspenderdateien gelisteten Personen wird tatsächlich zum Spender. Rund sechs Millionen Deutsche sind momentan bei der seit 1991 bestehenden DKMS (vormals: Deutsche Knochenmarkspenderdatei) gelistet, in den anderen 25 deutschen Spenderdateien weitere 2,4 Millionen. Weltweit kommen noch einmal 26 Millionen Registrierte hinzu.

          Auch Mirko Meyne, der eigentlich anders heißt, gehört zu ihnen, und das seit rund 15 Jahren. Die Entscheidung dafür war damals durchaus freiwillig, aber nicht allzu bewusst getroffen. Meynes Vater führte damals in seiner Hausarztpraxis an einem Wochenende eine Typisierungsveranstaltung durch. Viele kamen. Da war es keine Frage, dass sich der Sohn und auch die zwei Jahre ältere Schwester Blut abnehmen ließen, um sich typisieren zu lassen. Dieses Prozedere war damals noch notwendig, heute reicht eine kleine Probe der Mundschleimhaut für das Feststellen der Gewebemerkmale und die Aufnahme in eine Knochenmarkspenderdatei aus.

          Bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems sind im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen relativ selten. In Deutschland machen sie laut Deutscher Krebshilfe knapp drei Prozent der Tumorerkrankungen aus. Das sind pro Jahr rund 13.700 Ersterkrankungen, die meisten davon durch Leukämien bedingt. Für die Betroffenen ist eine Blutstammzellenspende häufig die letzte Chance auf Heilung. Diese Form der Krebserkrankung ist damit auch die einzige, bei der ein Mensch einem anderen das Leben retten kann – über Länder- und Sprachgrenzen hinweg.

          Der optimale Spender

          Konkret läuft eine Transplantation so ab: Das Knochenmark des Patienten und mit ihm im Idealfall alle erkrankten Zellen werden durch eine hochdosierte Chemotherapie zerstört. Mehr oder weniger gleichzeitig werden dem Spender, der zuvor über die Datenbank gefunden wurde, Stammzellen aus dem Blut entnommen. In zwanzig Prozent der Fälle klappt das über die Blutentnahme nicht, dann kommt es zu einer Knochenmarkentnahme aus dem Beckenkamm, einem Eingriff, der unter Vollnarkose erfolgt. Danach werden die Stammzellen dem Erkrankten wie bei einer Bluttransfusion in die Vene übertragen. Sie wandern in die Markhöhlen der Knochen, siedeln sich dort an und beginnen hoffentlich, neue funktionstüchtige Blutzellen zu bilden. Ist die Transplantation erfolgreich, übernimmt der Empfänger mit den Stammzellen auch die Blutgruppe seines Spenders.

          Erste Voraussetzung für einen solchen Austausch: In den weltweiten Dateien muss eine Person mit passenden Gewebemerkmalen für einen Erkrankten gefunden werden. Von einem „genetischen Zwilling“ spricht man, wenn zwei Menschen im optimalen Fall eine fast hundertprozentige Übereinstimmung von Gewebemerkmalen aufweisen. Je höher die Übereinstimmung, desto besser die Chancen, dass das Immunsystem des Empfängers die gespendeten Stammzellen annimmt und er den Krebs besiegen kann. Für eine hohe Übereinstimmung muss man nicht miteinander verwandt sein. Trotzdem wird im Fall einer Leukämieerkrankung zunächst nach einem Spender im Familienkreis gesucht. Rund dreißig Prozent aller Stammzellspenden erfolgen denn auch durch Verwandte, in aller Regel die Geschwister.

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