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Aids-Medikamente zur Prävention : Pillen für Gesunde

Zur Vorsorge? In den meisten Industriestaaten steigen die HIV-Infektionszahlen. Bild: SCIENCE PHOTO LIBRARY

Geht es nach der Weltgesundheitsorganisation, dann sollen Homosexuelle Anti-Aids-Medikamente einnehmen – zur Prävention. Das schützt fast so gut vor Infektionen wie Kondome. Aber ist es auch sinnvoll?

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          Seine erste Tablette nahm er kurz vor Weihnachten 2012 ein – in seinem Urlaub. Leonard Tooley wollte auf keinen Fall riskieren, dass ihn Nebenwirkungen so krank machen würden, dass er tagelang nicht zur Arbeit gehen könnte. Das vermeintliche Wundermittel mit dem Namen „Truvada“ ist in seiner Heimat Kanada für Menschen, die eigentlich gesund sind, bis heute nicht zugelassen. Trotzdem war Tooley als einer der ersten Freiwilligen dazu bereit, die blaue Tablette zu schlucken, die ihn fast so sicher vor einer HIV-Infektion schützt wie ein Kondom.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ein wenig nervös sei er schon gewesen, sagt Tooley, der auf der 20. Welt-Aids-Konferenz in Melbourne zu den internationalen Berichterstattern gehört, die unter anderem in sozialen Medien über die neuesten Erkenntnisse der Forschung schreiben. Seit nunmehr gut eineinhalb Jahren schlucke er täglich morgens zum Frühstück eine der blauen Pillen, ohne jemals irgendwelche Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Durchfall erlebt zu haben.

          Genauso umstritten wie die männliche Beschneidung

          Tooley ist 32 Jahre alt und schwul. Damit zählt er genau zu einer der Zielgruppen, für die der Infektionsschutz in Tablettenform gedacht ist. Noch immer sind Männer, die Sex mit Männern haben, eine der Hauptrisikogruppen für eine HIV-Infektion. Das sieht auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) so und empfiehlt, dieser Gruppe ab nun Aids-Medikamente zum Schutz vor der Erkrankung zu verabreichen, also als Präexpositionsprophylaxe, kurz „Prep“ genannt. Die WHO hat ihre Richtlinien dementsprechend geändert und auf der Welt-Aids-Konferenz in der vergangenen Woche vorgestellt. Die Prep soll dabei nur eine weitere Präventionsmöglichkeit von vielen sein – und ist genauso umstritten, wie es die männliche Beschneidung ist, welche die WHO 2007 als HIV-Infektionsschutz empfahl.

          Auch wenn die amerikanische Zulassungsbehörde für Arzneimittel (FDA) „Truvada“ schon vor zwei Jahren als erstes Prep-Mittel gutgeheißen hat, ist derzeit noch kein Medikament als HIV-Schutz in der EU zugelassen. In Deutschland können Ärzte nach eigenem Ermessen eine solche Vorsorge auf Rezept verschreiben. 30 Tabletten, eine Monatspackung, kosten mehr als 800 Euro, die aus eigener Tasche bezahlt werden müssen.

          Leonard Tooley hat eine Versicherung, die alle Medikamente und damit auch die 871,21 Dollar (etwa 600 Euro) im Monat für seine Prep übernimmt. Ob er deswegen ein schlechtes Gewissen der Allgemeinheit gegenüber hat? Nein, sagt Tooley, auch wenn das für ihn zunächst eine Überlegung wert gewesen sei: „Andere bekommen Medikamente gegen hohen Blutdruck oder hohes Cholesterin bezahlt, weil sie ungesund leben.“

          Rückgang von einer Million Neuinfektionen in zehn Jahren?

          Wenn er sich durch die Prep vor einer Infektion und damit vor einer chronischen Krankheit schützen könne, habe er genauso das Recht darauf, ein für ihn sinnvolles Medikament verschrieben zu bekommen. Dass noch immer Millionen HIV-Infizierte in Entwicklungsländern keinen Zugang zu einer Behandlung haben, findet er zwar skandalös. Doch das treffe auch auf viele andere Arzneimittel zu: „Ich bringe gewiss keinen Aids-Kranken in Afrika um seine Tabletten.“

          Einer der Gründe, warum Tooley mit der Prep anfing, war die hohe HIV-Prävalenz unter Homosexuellen in seiner Heimatstadt Toronto: „Jeder vierte Schwule dort ist positiv; das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf einen Infizierten treffe, ist sehr groß.“ Zudem ist davon auszugehen, dass mehr als die Hälfte, vielleicht sogar 75 Prozent aller Neuinfektionen in Kanada darauf zurückzuführen sind, dass ein Infizierter noch nicht ahnt, dass er sich bereits angesteckt hat. Auch in Deutschland wird das Virus meist nicht von Menschen übertragen, die wissen, dass sie den Erreger in sich tragen, sondern von Menschen, die sich nicht wissend erst vor kurzem infiziert haben.

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