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WG für Demenzkranke : Niemand sagt „Patient“

  • -Aktualisiert am

Hans Piesker und sein „Mäuschen” Bild: F.A.Z. / Christian Thiel

Hans Piesker lebt in einer Wohngemeinschaft in Berlin. Mit seinen Mitbewohnern kommt er gut aus. Er lernt sie jeden Tag neu kennen. Umgekehrt ist es ebenso. Die Bewohner sind dement. Jörg Niendorf berichtet.

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          Nirgends wäre Hans Piesker ohne seine Katze hingegangen. Haustiere hatte er immer. Also gab es eine Bedingung: „Mäuschen“ musste mit, als der alleinstehende, kranke Piesker die eigene Wohnung aufgab und sein neues Zimmer bezog. Die Katze durfte. Ihr geht es blendend, unter einem riesigen Esstisch fällt jetzt viel für sie ab. Und der 81 Jahre alte Piesker hat den Wechsel zum betreuten Wohnplatz auch nicht bereut. „Er ist gesellig geworden“, sagt sein Sohn Andreas, der ihn alle zwei Tage besucht. „Morgens ist er der Erste, abends oft der Letzte, der die Wohnküche verlässt.“ In der Zwischenzeit ist der ehemalige Tischler Piesker viel unterwegs im Haus. Immer neugierig, immer auf den Beinen. Er hilft beim Geschirrspülen. „Das hat er sonst nie gemacht“, sagt der Sohn. „Oder Vater spielt draußen Tischtennis.“

          Das tut er mit Frau R., die wohnt im Zimmer gegenüber. Sie ist genauso rührig wie er. Manchmal tratschen sie schon morgens auf dem Flur, sobald sie wach sind. Aber jetzt ist Nachmittag. „Da muss ich mich ja kaputtlachen“, sagt Piesker in einem fort. Außerdem reimt er alles, was sich auf „Himmel, Arsch und Zwirn“ reimen lässt. Seine blauen Augen und das ganze Gesicht strahlen dabei. Frau R. wiederum lebt in Gedanken an der Elbe, ihr Mann ist auf großer Fahrt. Sie und Piesker reden viel miteinander, so vertraut, als wären sie immer ein Paar gewesen. Nur versteht sie keiner, und sie selbst tun es auch nicht. Was sie reden, ist vergessen, sobald es gesprochen ist. Jeden Tag lernen sie sich neu kennen, sagen ihre Pfleger.

          24-Stunden-Betreuung für alle

          Alle, die hier in der Gründerzeitvilla im Berliner Stadtteil Steglitz wohnen, das sind sechs Frauen und zwei Männer, leiden an Demenz. Sie sind zwischen 79 und 89 Jahre alt. Jeder hat ein Zimmer mit eigenem Mobiliar, sie teilen sich in ihrer Wohngemeinschaft die Bäder, die Küche und den Pflegedienst. Auch das geschieht nach altem WG-Prinzip: zusammenschmeißen. Die Ansprüche aller Bewohner auf eine häusliche Pflege werden addiert, so schaffen sie eine 24-Stunden-Betreuung für alle. Natürlich sind es die Angehörigen oder die gesetzlichen Betreuer, die für die Demenzkranken diese Vereinbarungen getroffen haben. Sie müssen viel entscheiden und sich oft an einen Tisch setzen.

          Dafür stünden die Nutzer bei einem Pflegemodell wie diesem eindeutig im Mittelpunkt - anders als bei vielen Heimunterbringungen. Davon sind auch die Kinder Hans Pieskers überzeugt. Die Sozialstation des nahe gelegenen Nachbarschaftsheims Schöneberg übernimmt alle pflegerischen Dienste für die WG-Bewohner. Altenpflegerinnen, Hauspflegekräfte und Zivildienstleistende sorgen für sie, spielen, basteln mit ihnen und führen den Haushalt. Drei bis vier sind tagsüber da, abends kommt eine Nachtwache. Für jeden Einzelnen wäre es unbezahlbar, gemeinsam geht es. „Trotzdem ist unser Pflegepersonal nur Gast im Haus“, sagt die Koordinatorin Karen Gebert.

          Bewohner, keine „Patienten“

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