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Wenn Migranten krank werden : Schlechte Pflege, Herr Doktor!

  • -Aktualisiert am

Wieder sprechen: Die Altenpflegehelferin Aicha Paluszak legt im Frankfurter Pflegeheim Victor-Gollancz-Haus den Arm um eine Bewohnerin. Bild: Frank Röth

Meist sind Angehörige und Pflegedienste schlecht vorbereitet, wenn Migranten alt und krank werden. Dabei sind Verständigungsschwierigkeiten nicht die einzigen Probleme.

          Mit ein bisschen Übertreibung könnte Hüseyin Kurt behaupten, dass Stumme bei ihm, im Victor-Gollancz-Haus, wieder sprechen gelernt haben. Vor zwei Jahren zog ein alter Mann hier ein. Es hieß, dass er verstummt sei in dem deutschen Pflegeheim, in dem er lebte. Der gebürtige Türke verstand die Pfleger nicht, und sie verstanden ihn nicht. Er hatte die deutsche Sprache verlernt. Das passiert den meisten Demenzkranken. Egal, wie gut sie früher Deutsch konnten: Sie verlernen jede Sprache außer ihrer Muttersprache. Weil in Wohngruppe sechs des Victor-Gollancz-Hauses türkisch gesprochen wird, weil im Fernsehen türkische Volksmusik dudelt, begann auch der alte Mann zu reden.

          Hüseyin Kurt ist im Frankfurter Victor-Gollancz-Haus für die „Migrationsarbeit“ zuständig. Es ist eines der wenigen Seniorenheime in der Stadt mit einer Wohngruppe speziell für Migranten. Elf Plätze gibt es hier - für 18 726 Frankfurter, die mindestens 65 Jahre alt sind und keinen deutschen Pass oder eben einen Migrationshintergrund haben. Die erste Gastarbeitergeneration wird gerade alt, krank und pflegebedürftig. Was das bedeutet, müssen die meisten Pflegeeinrichtungen, die Angehörigen und die Migranten selbst noch lernen.

          Salami, Kichererbsen, Düngerweizen

          Alaattin Armagan und seine Mutter sind einige Male gescheitert, bis sie in der muslimischen Wohngruppe ankamen. Seine Mutter war früher Schneiderin, sie sprach gut deutsch. Im Alter bekam sie Krebs, Diabetes und wurde schließlich dement. Alaattin Armagan bestellte einen Pflegedienst, der dreimal täglich kam. Dann brachte er seine Mutter in der Tagespflege unter. Als sie auch nachts nicht mehr allein sein konnte, brachte er sie in ein deutsches Pflegeheim.

          „Meine Mutter konnte dort nicht leben“, sagt Armagan. Sie verstand die Pfleger nicht, bekam Angst, mochte auch das Essen nicht. Das änderte sich im Victor-Gollancz-Haus. In der Küche hängt hier neben zwei großen Fleischmessern ein weißes Schild: „Muslime“. Mit diesen Messern dürfen nur Halal-Gerichte geschnitten werden. Es gibt auch mehrere Kühlschränke und Kochstellen nur für die türkische Kost. Die Köchin verzichtet auf Schweinefleisch und Alkohol. Und sie kauft alle Zutaten in türkischen Fachgeschäften ein: Salami, Kichererbsen, Düngerweizen. 20 bis 30 Gerichte bestellen die Bewohner bei ihr täglich. Das sind mehr, als Türken in dem Seniorenheim wohnen.

          Der muslimische Gebetsraum im Viktor-Gollancz-Haus.

          Abdulkadir Örs klingt desillusioniert, wenn man ihn auf die familiäre Pflege unter Muslimen anspricht. Die Hoffnung, dass die Kinder ihre Eltern einmal pflegen, sei eine Wunschvorstellung. „Das können Sie vergessen.“ Örs leitet in München einen Pflegedienst und sagt, dass er „Robin-Hood-mäßig“ auftritt. Wenn Senioren mit Migrationshintergrund einen Pflegedienst in München suchen, rufen sie meist bei ihm an. Er war einer der ersten, der Prospekte in türkischer Sprache druckte. Er kümmert sich um viele Migranten. Die meisten haben sich nicht auf das Rentenalter in Deutschland eingestellt, viele hofften lange, irgendwann in ihr Heimatland zurückzukehren. Sie haben kein Vermögen angelegt, keine Häuser gebaut.

          Sie wissen zum Teil nicht, dass es so etwas wie eine Pflegeversicherung gibt. Örs hat deshalb Sozialarbeiter eingestellt. Sie sind nur dafür zuständig, seine Kunden zu beraten und mit ihnen Anträge für Sozialversicherungsträger auszufüllen. „Diese Sozialarbeiter zahlt mir niemand, die finanziere ich aus der eigenen Tasche“, sagt Örs. Manchmal kommen Menschen zu ihm, die dringend gepflegt werden müssen. Sie haben es hinausgezögert, so lange es ging. Örs geht dann in Vorleistung, weil weder sie noch ihre Angehörigen die Pflege zahlen können und der Pflegeantrag noch nicht einmal gestellt ist. „Wenn all meine Klienten Migrationshintergrund hätten“, sagt Örs, „dann könnte ich nicht wirtschaftlich arbeiten.“

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