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Wenn Migranten krank werden : Schlechte Pflege, Herr Doktor!

  • -Aktualisiert am

120 Mitarbeiter übersetzen in 35 Sprachen

Der Pflegebedarf bei Senioren mit Migrationshintergrund aber wird steigen. Die türkischstämmige Bevölkerung leidet häufiger unter Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Es gibt sogar Hinweise, dass türkischstämmige Männer zehn Jahre früher einen Herzinfarkt erleiden als der Durchschnittsbürger.

Im Städtischen Klinikum München haben elf Prozent der Patienten keinen deutschen Pass - hinzu kommt noch ein großer Teil Deutscher mit fremdländischen Wurzeln. Um mit ihnen zu kommunizieren, leistet sich das Klinikum einen hausinternen Übersetzungsdienst. 120 Mitarbeiter, meist Pfleger, können in insgesamt 35 Sprachen übersetzen. „Die Krankenkassen bezahlen uns diesen Dienst nicht“, sagt Elisabeth Wesselman vom Klinikum München. Wenn ein Arzt aber nicht fragen kann, wo es dem Patienten weh tut, wie lange er schon krank ist und wie hoch sein Fieber war, dann kann er nur schwer behandeln.

Krankheit als göttliche Strafe

“Viele der Arbeitsmigranten haben ein philosophisch-religiös geprägtes Bild von der Krankheit, kein naturwissenschaftliches“, sagt Wesselman. Krankheit werde als göttliche Strafe oder als Prüfung gesehen. Das aber, sagt sie, kann man auch bei deutschen Patienten finden. Um sie zu heilen, muss man ihnen erklären, wie sie gesund leben können. Vielen Migranten fehle einfaches medizinisches Wissen, etwa, dass Bewegung für Arthrosekranke wichtig ist. Deshalb organisiert Wesselman in München türkisch sprachige Sprechstunden und Selbsthilfegruppen für Diabetiker. „Viele der alten Migranten sind schlecht auf Alter, Krankheit und Tod vorbereitet.“ Deutschland aber sei auf sie auch schlecht vorbereitet.

“Dabei ist die Pflege gar nicht so anders“, sagt Hüseyin Kurt, der Migrationsbeauftragte im Victor-Gollancz-Haus. Er will nicht den Eindruck erwecken, als sei es ein Problem, Muslime zu pflegen. Es seien nur Kleinigkeiten: Neben dem christlichen Andachtsraum gibt es einen muslimischen Gebetsraum. Der cappuccinofarbene Teppichbelag sieht aber nicht so aus, als ob das der begehrteste Ort in dem Seniorenheim wäre. Die muslimischen Bewohner tragen nicht alle ihre Frömmigkeit spazieren. Sie bekommen aber die Möglichkeit, ihren Glauben zu leben. Freitags betet ein Imam. Und wenn ein Bewohner stirbt, legen die Pflegerinnen eine CD ein, die Suren aus dem Koran vorspielt.

Die Schwierigkeiten beginnen beim Personal. „Der Arbeitsmarkt ist knapp“, sagt Kurt. „Es ist schwierig, überhaupt Personal zu finden.“ Türkisch sprechende Pfleger zu finden ist noch schwieriger. Auch Hüseyin Kurt ist so etwas wie ein Quereinsteiger. Bis vor drei Jahren hat er als Chemiker gearbeitet. Dann engagierte ihn der Frankfurter Verband. Er spricht mit den Angehörigen der muslimischen Senioren, er genießt ihr Vertrauen. Kurt ist Muslim, ein Kind von Einwanderern. Er kann die „religiöse Aufklärung“ betreiben, die seiner Meinung nach viele türkische Familien brauchen. Sie sehen es als ihre religiöse Aufgabe an, die Eltern zu versorgen, bis sie sterben. Wenn sie das nicht mehr schaffen, sagt Kurt, dann müssen sie sich Hilfe suchen. Im Krankenhaus schließlich komme auch kein Muslim auf die Idee, seinen Vater selbst zu operieren, „weil Papa der Liebste ist“.

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