https://www.faz.net/-gum-8hnoe

Weltnichtrauchertag : Der verflogene Zauber der Zigarette

Kneipe mit Rauchverbot: Als das Rauchverbot kam, sprachen viele Journalisten und Intellektuelle von einem Kulturverlust. Sie sind verstummt. Bild: Henning Bode

Die Zigarette verschwindet. Wer heute mit einem Freund raucht, der tut das, weil ihm das Gegenüber wichtiger ist als die eigene Gesundheit. Ist das Rauchen die letzte Bastion gegen eine Gesellschaft im Optimierungswahn?

          Eine Nachricht zum Weltnichtrauchertag: Der Zigarettenrauch verzieht sich langsam, aber sicher aus unserer Gesellschaft. Das sagt die Statistik, aber auch die eigene Erfahrung am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Als vor weniger als zehn Jahren Rauchverbote zur Regel wurden, gab es nicht zu knapp Journalisten und Schriftsteller, die vor dem Untergang einer Kultur, wenn nicht der Kultur warnten. Das Rauchen galt als Chiffre für Lust, Toleranz und Freiheit. Diese Stimmen sind verstummt.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Selbst viele Raucher wissen es heute zu schätzen, dass sie nach einem Abend im rauchfreien Restaurant Kleidung und Kopf noch gebrauchen können. Andererseits fühlen sie sich ertappt. Denn der ganze Sinn, mit dem sie das Rauchen aufgeladen haben, scheint eine Illusion gewesen zu sein. Leute, die aufgehört haben, kennen das Gefühl. Sie hatten geglaubt, die Zigarette sei ihnen zum Markenzeichen, zum elften Finger geworden. Doch kein Mensch vermisst an ihnen die Zigarette - außer sie selbst.

          Wer will denn gern Kontroletti sein?

          Wenn die Gesellschaft so einfach auf das Rauchen verzichten kann, warum fällt es dem einzelnen Raucher dann so schwer? Warum machen sich erwachsene Menschen lächerlich, indem sie heimlich rauchen? Warum geben sie Hunderte Euros für „Rauchentwöhnung“ aus, um an dem Tag, an dem sich die Investition amortisiert hat, wieder anzufangen? Die einfache Antwort: Es ist eine Sucht, vielleicht die mächtigste der vergangenen Jahrzehnte.

          Die Macht des Nikotins gründet darauf, dass es nicht nur für bestimmte Rezeptoren im Hirn wie gemacht ist, sondern auch für die Eigenarten des Menschen. Da ist die ausgeprägte Fähigkeit zur Selbsttäuschung: Die erste Zigarette ist so billig, schmeckt so schlecht und wird meist in so jungen Jahren geraucht, dass man sie beim besten Willen nicht mit ihren finanziellen, körperlichen und ästhetischen Spätfolgen in Verbindung bringen will.

          Dann die Freude an der Verführbarkeit: Wer will schon gern ein Kontrolletti sein? Schließlich die Sehnsucht nach einfachen Lösungen: Die Zigarette ist immer da und wirkt sofort. So wie Angela Merkel Probleme in kleine lösbare Einheiten zu zerteilen pflegt, so zerteilen Zigaretten den Tag in überschaubare Etappen.

          Aus sechs Zigaretten auf der Party werden fünf jede Woche und vier am Tag

          Tatsächlich löst jede Zigarette schon während des Rauchens ein Problem, das des Entzugs, auch wenn es den ohne das Rauchen gar nicht gäbe. Die Zigarette ist eine Zauberkünstlerin. Sie kann dem Raucher sogar das Gefühl geben, sie helfe ihm, mit dem Rauchen aufzuhören. Was für eine Illusion! Denn tatsächlich lässt eine Zigarette jedes noch so winzige Problem, das sie lösen soll, gerade so riesig erscheinen, dass es aus Sicht des Rauchers nur mit Hilfe einer Zigarette gelöst werden kann.

          Es gibt natürlich unterschiedliche Rauchertypen. Manche können alle paar Wochen eine Zigarette rauchen, ohne abhängig zu werden. Normal Begabten ist dieser Weg versperrt. Das merken sie, wenn sie eine Weile aufgehört haben und dann, im trügerischen Gefühl, die Sucht sei überwunden, doch wieder eine Kippe probieren. Dann ist es oft wie beim Radrennen: Hat man erst abreißen lassen, den Kontakt zum Feld verloren, dann geht es dahin. Aus den sechs Zigaretten auf der Party werden fünf jede Woche, daraus vier jeden Tag - immer begleitet von der passenden Rechtfertigung.

          Viele Raucher sagen: Ein Laster habe schließlich jeder. Sie sind zufrieden mit ihrem Leben und finden es vielleicht sogar gut, weiteres Optimierungspotential - zum Beispiel Aufhören - in der Hinterhand zu haben. Mindestens so häufig folgt das Raucherleben aber der „Broken Windows“Theorie: Wer ein offensichtliches und behebbares Problem - ein kaputtes Fenster oder eben das Rauchen - nicht schnell aus der Welt schafft, der wird bald auch in anderen Bereichen nachlässig.

          Auch ohne gesundheitliche Schädigung wäre Rauchen verlockend

          Aber was macht das Rauchen eigentlich zum Problem? Die Kosten? Die Abhängigkeit? Oder doch vor allem die Gefahren für die Gesundheit? Was wäre, wenn es der Zigarettenindustrie gelänge, die Risiken für Leib und Leben auf ein Minimum zu reduzieren? Angeblich wird daran ja eifrig getüftelt. Gäbe es dann noch einen triftigen Grund, mit dem Rauchen aufzuhören oder gar nicht erst anzufangen?

          Die Frage, die vorher zu klären ist, lautet, ob das Rauchen noch dasselbe wäre, wenn es der Gesundheit nicht schaden würde. Dafür spricht, dass Menschen schon zu einer Zeit gerne geraucht haben, als sie sich der gesundheitlichen Risiken noch kaum bewusst waren. Dagegen spricht, dass gerade auch das Risiko dem Rauchen seine symbolische Kraft verleiht. Pointiert formuliert: Indem ein Mensch bereit ist, für einen schönen Moment mit einem Freund die eigene Gesundheit rauchend aufs Spiel zu setzen, zeigt er dem Freund, dass dieser ihm wichtiger ist als er selbst.

          Durch Ersatzprodukte geht dieser Aspekt verloren. Sie entzaubern das Rauchen und führen dem Raucher ganz prosaisch vor Augen, dass er nichts weiter als ein Süchtiger ist. Die E-Zigarette, so reizend sie inzwischen gestaltet sein mag, ist doch näher an der Apparatemedizin als an Lust und Freiheit. Der Zeitpunkt ist gut, mit dem Rauchen aufzuhören.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lencke Steiner, Spitzenkandidatin der Bremer FDP für die Bremer Bürgschaftswahl, könnte einem Jamaika-Bündnis im Wege stehen.

          FDP in Bremen : Im Reich des Tschakka

          Die aus dem Fernsehen bekannte Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner, gilt als Marketingtalent, aber auch als Hindernis für eine Jamaika-Koalition – beides steht in einem Zusammenhang.
          Der Lautsprecher Amazon Echo ermöglicht den Kontakt mit Alexa – viele Menschen werden mit ihr bald mehr sprechen als mit ihrem Umfeld, glaubt die Unesco.

          Kritik von der Unesco : Alexa, förderst du Vorurteile über Frauen?

          Eine Frauenstimme, die jeder Bitte folgsam nachkommt: Laut einem Bericht der Unesco tragen Sprachassistenten wie Alexa und Siri zur Verbreitung von Geschlechterklischees und der Akzeptanz von sexistischen Beleidigungen bei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.