https://www.faz.net/-gum-tmxd

Weltentwicklungsbericht : „Es wird Zeit, daß wir uns trauen, offen über Scheiße zu reden“

  • Aktualisiert am

Frisches Wasser - für viele alles andere als eine Selbstverständlichkeit Bild: dpa

In den Industrienationen wird die Beseitigung menschlicher Exkremente als diskretes Thema behandelt. Diese Zurückhaltung kostet Menschenleben, besagt der Weltentwicklungsbericht. Für arme Länder ist die Wasser- auch eine Sanitärkrise.

          3 Min.

          Unzureichende Wasserversorgung und fehlende sanitäre Vorrichtungen kosten jedes Jahr 1,8 Millionen Kinder das Leben. Das geht aus dem 17. Bericht über die menschliche Entwicklung hervor, den das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen am Donnerstag veröffentlichte. Er behandelt vor allem die globale Wasserkrise mit ihren Folgen für Gesundheit, Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung. Die Autoren weisen darauf hin, daß Wassermangel auch die soziale Lage von Frauen und Mädchen verschärft, da diese viele Stunden nur damit beschäftigt sind, Wasser zu holen.

          Wie jedes Jahr seit 1990 liefert der Bericht - neben der vertiefenden Analyse eines gesonderten Aspekts - eine nach Staaten geordnete Rangliste des Entwicklungsstandes. Kriterien sind Lebenserwartung, Bildungsstand und Realeinkommen. An der Spitze stehen aktuell Norwegen, Island, Australien, Irland und Schweden. Es folgen Kanada, Japan und die Vereinigten Staaten von Amerika. Deutschland liegt auf Platz 21. Am Ende der 177 Staaten aufführenden Rangliste stehen vornehmlich afrikanische Länder, ganz unten Niger, Sierra Leone, Mali, Burkina Faso und Guinea-Bissau.

          Sanitäre Probleme vernachlässigt

          „Zugang zu sauberem Wasser ist ein elementares Menschenrecht“, sagte Ad Melkert, Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen, bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. 1,1 Milliarden Menschen haben indes nach seinen Angaben keinen Zugriff auf sauberes und bezahlbares Trinkwasser. Während sich die Weltgemeinschaft darum bemühe, die Trinkwasserversorgung zu verbessern, packe sie die sanitären Probleme zu wenig an.

          Wasserversorgung in Nicaragua
          Wasserversorgung in Nicaragua : Bild: AP

          „Unsere höfliche Zurückhaltung, über die Beseitigung menschlicher Exkremente und ihre Trennung vom Trinkwasser zu sprechen, fordert Menschenleben“, sagte der Niederländer, seit langem ein engagierter Entwicklungshelfer. Die ägyptischen und peruanischen Erfolge zeigen nach seinen Worten, daß man die Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahr um 60 Prozent senken kann, wenn man dieses Problem anpackt. „Es wird Zeit, daß wir uns trauen, offen über Scheiße zu reden“, sagte Melkert. Wie er weiter hervorhob, haben 2,6 Milliarden Menschen nicht einmal in rudimentärer Form Zugang zu sanitären Einrichtungen.

          Wasser: Die Ärmsten zahlen am meisten

          Nach dem Bericht sind mindestens zwanzig Liter Wasser am Tag notwendig, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Die Autoren liefern den Vergleich gleich mit: Der typische Europäer verbraucht 200 Liter am Tag, in Amerika liegt der Durchschnittswert sogar bei mehr als 400 Litern. Sie weisen zudem darauf hin, daß in vielen Entwicklungsländern die „absurde“ Regel gelte, daß den ärmsten Menschen nicht nur weniger Wasser zur Verfügung steht, sondern sie dafür auch die höchsten Preise zahlen, die es überhaupt auf der Welt gibt. Die Autoren des Berichts fordern, daß der Mindestbedarf an Wasser für diejenigen kostenlos sein sollte, die zu arm sind, um selbst bezahlen zu können.

          Ad Melkert wies darauf hin, daß das Millenniums-Entwicklungsziel der Vereinten Nationen verfehlt wird, wenn die Weltgemeinschaft sich nicht stärker dafür einsetzt, die Wasserversorgung und die sanitäre Situation zu verbessern. Wenn der Trend sich fortsetze, werde das Ziel, die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser zu halbieren, um etwa 234 Millionen Menschen verfehlt. Das Ziel, die sanitäre Versorgung zu verbessern, werde dann sogar für 430 Millionen Menschen verfehlt. Um beide Ziele zu erreichen, müßte man jedes Jahr mindestens zehn Milliarden Dollar investieren. Damit könnte man nicht nur einer Million Menschen im nächsten Jahrzehnt das Leben retten, sondern auch einen volkswirtschaftlichen Gewinn von 38 Milliarden Dollar erzielen. Doch seit Mitte der neunziger Jahre stagnierten die Mittel, die für diesen Zweck eingesetzt würden, sagte Melkert. Ausdrücklich lobte der Niederländer das deutsche Engagement auf diesem Gebiet.

          „Wassermangel ist kein Schicksal“

          Die Wasserversorgung sei seit langem ein Schwerpunkt der deutschen Zusammenarbeit, hob Entwicklungsstaatssekretär Erich Stather hervor. Man habe bislang 70 Millionen Menschen mit solchen Projekten erreicht. Doch reiche es immer weniger aus, Brunnen zu bohren. Die Versorgungskrisen hätten häufig politische Ursachen. „Wassermangel ist kein Schicksal, sondern das Produkt des Versagens der politisch Verantwortlichen“, sagte Stather. Dies zeige, daß man es mit einer Aufgabe zu tun habe, die zunehmend ein zwischen den Staaten abgestimmtes Vorgehen erfordere, „um einen größeren Hebel“ in der Hand zu haben.

          Weitere Themen

          Mahner gegen Ungeduldige

          Lockerungs-Diskussion : Mahner gegen Ungeduldige

          Wie der gibt es kurz vor dem nächsten Bund-Länder-Gipfel zur Corona-Krise eine Vielzahl an Forderungen. Ärzteverbände raten zur Vorsicht, die Menschen in den Bundesländern bewerten die bisherigen Maßnahmen sehr unterschiedlich.

          Topmeldungen

          Der französische Präsident Emmanuel Macron am 1. März 2021 in einem Impfzentrum in Bobigny in der Nähe von Paris

          Corona-Krise in Frankreich : Der Präsident als Chefvirologe

          Im Kampf gegen die Pandemie richtet sich Frankreichs Präsident immer weniger nach dem Urteil seiner wissenschaftlichen Berater. Stattdessen lässt sich Emmanuel Macron selbst als Corona-Fachmann inszenieren. Das sorgt nicht nur bei Ärzten für Unmut.
          Unser Autor: Sebastian Reuter

          F.A.Z.-Newsletter : Die Pandemie geht in die Verlängerung

          Bund und Länder ringen trotz Mutanten-Gefahr um Öffnungsperspektiven. Der Streit um die Organisation der Impfungen dauert an. Wenig gestritten wurde dagegen in Baden-Württemberg. Was sonst wichtig wird, steht im Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.