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Aids-Forscherin im Gespräch : „15 Millionen müssten eine Therapie bekommen“

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Trauer um die Opfer: Auf der Welt-Aidskonferenz in Melbourne wird auch der Menschen gedacht, die beim Abschuss des Flugzeugs über der Ukraine umkamen Bild: AFP

Nobelpreisträgerin Françoise Barré-Sinoussi zählt zu den renommiertesten Aids-Forschern der Welt. Im Interview spricht sie über die Behandlung von Aidskranken, die Verhinderung von Infektionen und die Hemmnisse im Kampf gegen den Virus.

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          Frau Professor Barré-Sinoussi, Sie und Luc Montagnier waren vor mehr als 30 Jahren die ersten, die ein Retrovirus entdeckten und beschrieben, das später als HI-Virus bekannt wurde. Wie frustrierend ist es für Sie, dass es nach so langer Zeit noch immer keine Heilung von HIV gibt?

          Zunächst waren es ja nicht nur Luc Montagnier und ich, die das HIV entdeckt haben, sondern von Anfang an haben wir international als Team zusammengearbeitet – das zeichnet übrigens die Aids-Forschung aus. Und dann muss man sagen, dass wir, seit HIV erstmals isoliert wurde, eine Menge erreicht haben. Wir wissen, wie wir uns vor dem Virus schützen können, und wir haben auch Mittel, mit denen wir HIV-Infizierte behandeln können. Frustrierend ist vor allem, dass wir viele mit diesen Möglichkeiten noch immer nicht erreichen. So werden nun zwar, und das ist natürlich ein Erfolg, etwa 14 Millionen HIV-Infizierte mit Aids-Medikamenten versorgt. Aber das reicht bei weitem nicht aus. Mindestens 15 Millionen weitere müssten eine antiretrovirale Therapie (ART) bekommen.

          Was ist das größte Hemmnis? Liegt es am fehlenden Geld, an der Diskriminierung oder am Virus selbst?

          Es gibt nicht nur ein Hemmnis. Natürlich fehlt Geld, aber in vielen Ländern krankt es auch an den Gesundheitssystemen. Je früher wir eine HIV-Infektion feststellen, desto besser. Doch lassen sich noch immer nicht alle testen. Dabei wissen wir heute, dass eine frühe antiretrovirale Therapie das Virus langfristig viel besser bekämpfen kann. Umso erschreckender, dass auf der ganzen Welt, abhängig vom jeweiligen Land, zwischen 30 und 50 Prozent der Infizierten nichts von ihrer Ansteckung wissen. Das hat mit Geld nichts zu tun, sondern einfach nur damit, dass sich die Menschen nicht testen lassen. Warum lassen sie sich nicht testen? Sicher auch, weil sie die Diskriminierung fürchten, die mit einer HIV-Infektion noch immer einhergeht. Und das gilt überall auf der Welt, sogar in Europa. Es gibt also viele Hemmnisse, dazu gehört zum Beispiel in vielen Ländern auch der fehlende politische Wille, mehr für Menschen mit HIV zu tun. Die Liste ist lang.

          Sie sind für zwei Jahre Präsidentin der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS) und damit die Gastgeberin der 20. Welt-Aidskonferenz hier in Melbourne. Noch vor der offiziellen Eröffnung fand am Wochenende ein zweitägiges Symposion zum Thema Heilung statt. Was bedeutet Heilung?

          Eine gute Frage. Darunter versteht man normalerweise die vollständige Gesundung eines Patienten, in diesem Fall hieße das: HIV im Körper wird restlos ausgemerzt. Unser Symposion indes trug den Titel „Towards an HIV cure“. Das beschreibt etwas anderes, nämlich dass das Virus, die Infektion, dank der Behandlung mit Aids-Medikamenten kontrollierbar ist, dass sich der Erreger nicht weiter im Körper ausbreitet. Ich spreche darum auch lieber von Remission und nicht von Heilung. Remission kennen wir von Tumorerkrankungen, wenn Krebspatienten als „geheilt“ gelten, der Tumor sich aber trotzdem nach Jahren zurückmelden kann. Unser Ziel ist eine dauerhafte Remission, die wir mit den Aids-Medikamenten erreichen. Die Krankheit entwickelt sich nicht weiter, der Erreger wird nicht weiter gegeben.

          Françoise Barré-Sinoussi

          Kurz vor der Konferenz gab es schlechte Nachrichten: Beim „Mississippi-Baby“ wurde wieder HIV nachgewiesen. Dabei galt das Kind als „geheilt“ und als kleine medizinische Sensation. Das Neugeborene, durch seine Mutter mit dem Virus infiziert, war zunächst mit Aids-Medikamenten behandelt worden, danach aber nicht mehr. Trotzdem konnte der Erreger in seinem Körper über fast zwei Jahre nicht nachgewiesen werden. Die Rückkehr des Virus ist ein Rückschlag, der auch Sie enttäuscht haben dürfte.

          Traurig ist es vor allem für das Kind, für die Mutter, für die ganze Familie. Für uns Wissenschaftler ist der Fall auch eine Chance. Wir lernen daraus, dass das Virus in Zellen schlummert, dass es ein Reservoir bilden kann. Wir müssen in der Lage sein, diese Reservoirs aufzuspüren. Unsere Tests sind nicht genau genug, mit ihnen entdecken wir zwar die schlummernden Erreger in infizierten Zellen im Blut, doch nicht nur dort gibt es diese Zellen, sondern auch in den Eingeweiden, in den Lymphknoten, in vielen anderen Teilen des Körpers. Wir brauchen also bessere Tests. Bei unserem Symposion wurden genau solche Tests vorgestellt, die Reservoirs besser aufspüren können. Diese Studien haben höchste Dringlichkeit, wie der Fall des „Mississippi-Babys“ zeigt.

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