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Aids-Forscherin im Gespräch : „15 Millionen müssten eine Therapie bekommen“

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Eine weitere Studie zeigt, dass es Möglichkeiten gibt, den schlummernden Erreger gezielt aufzuwecken.

Auch das ist eine wichtige Strategie für die Zukunft. Langfristig lassen sich mit solchen Erkenntnissen Wege finden, das Immunsystem anzuregen. Wir müssen die Ergebnisse nur miteinander verknüpfen. Auch zum Beispiel mit der Forschung zu neutralisierenden Antikörpern, die nach Jahren der Infektion erst bei HIV-Patienten auftauchen und dann das Virus, weil es sich verändert hat, nicht mehr ausschalten kann. Doch auf Grundlage dieser neutralisierenden Antikörper lässt sich womöglich ein Impfstoff herstellen, der eine Infektion verhindern kann.

Am Ende steht also ein Impfstoff.

Ein Impfstoff dient normalerweise der Vorsorge. Ein Impfstoff gegen HIV nützt den 35 Millionen Menschen, die bereits infiziert sind, überhaupt nicht. Wir müssen also in zwei Richtungen forschen: die Infizierten heilen und Infektionen verhindern. Wir dürfen weder das eine noch das andere aus den Augen verlieren. Ein Impfstoff wäre allerdings nur eine zusätzliche Möglichkeit der Vorsorge, auch die Behandlung eines Infizierten mit ART dient ja zum Beispiel schon der Vorsorge, weil er dank der Therapie nicht mehr ansteckend ist.

Heftig diskutiert wird hier in Melbourne über den Einsatz von Aids-Medikamenten zur Vorsorge, die sogenannte Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) möchte künftig, dass Personen, die ein besonders hohes Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren, unter ihnen besonders Schwule, die antiretroviralen Medikamente vorsorglich einnehmen, damit sie sich nicht anstecken. Wie sieht eine Medizinerin das unter ethischen Gesichtspunkten? Immerhin warten Millionen Infizierte noch genau auf diese Medikamente zur Behandlung.

Man darf nicht eine Gruppe gegen die andere ausspielen. Ich denke, beides ist richtig. Wir müssen allen Infizierten Zugang zu den Medikamenten ermöglichen, die sie dringend benötigen. Und zugleich sollten diejenigen, die ein großes Risiko haben, sich zu infizieren, ein Recht darauf haben, sich mit Medikamenten vor einer Ansteckung schützen zu können. Und genau so wird es von der WHO für Männer, die Sex mit Männern haben, in den neusten Richtlinien auch empfohlen.

Hier in Melbourne scheinen nicht viele deutsche Wissenschaftler vertreten zu sein. Zudem zeigen Zahlen, dass in Deutschland nur wenig Geld für die Forscher zur Verfügung steht, die sich mit der Heilung von HIV beschäftigen.

Einige deutsche Wissenschaftler sind schon hier. Doch soweit ich weiß, gibt es in Deutschland wie in den meisten europäischen Ländern kein spezielles Programm, das die Aids-Forschung besonders fördert. Nur in den Vereinigten Staaten und in meiner Heimat Frankreich fließen Gelder in eigens geschaffene Institute. In Europa müssten aber tatsächlich mehr Mittel für die Aids-Forschung zur Verfügung gestellt werden. Ich bedauere es sehr, dass HIV zum Beispiel nicht mehr auf der Agenda von „Horizont 2020“ steht, dem EU-Förderprogramm für Forschung und Innovation, das von der Europäischen Kommission ausgeschrieben wird.

Vor zwei Jahren war die männliche Beschneidung als zusätzlicher Schutz vor einer HIV-Infektion eines der großen Themen auf der Welt-Aidskonferenz in Washington, vor vier Jahren die von der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen veröffentlichte Erkenntnis, das HIV-Infizierte, die Aids-Medikamente einnehmen, nicht mehr ansteckend sind. Mit welchem Thema wird die Konferenz von Melbourne in Erinnerung bleiben?

Melbourne wird leider auch wegen der Tragödie in der vergangenen Woche in Erinnerung bleiben, dem Abschuss des Flugzeugs, in dem Delegierte dieser Konferenz saßen. Darüber hinaus wird die Melbourne-Deklaration politischen Druck ausüben. Mit ihr setzen wir uns für die Abschaffung jeglicher Ungerechtigkeiten ein und für den Respekt der Menschenrechte. Damit senden wir von der Konferenz in Melbourne eine starke Botschaft aus. Doch hier geht es ja nicht nur um HIV, sondern auch um Koinfektionen wie Hepatitis C, eine Viruskrankheit, die wir nun heilen können. Aus diesem Erfolg können wir lernen, wenn es um die künftige Heilung von HIV geht, und daraus können wir wiederum lernen, wenn es um die Heilung von Hepatitis B geht. Eins geht ins andere über. Ich bin mir sicher, dass gerade die Einführung der neuen Medikamente zur Behandlung von Hepatitis C eines der großen Themen von Melbourne sein wird.

Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.

Françoise Barré-Sinoussi

Die französische Virologin zählt zu bedeutendsten Aids-Forschern der Welt. Unter anderem für die Entdeckung des HI-Virus im Jahr 1983 bekam die Direktorin der Abteilung zur Biologie von Retroviren am Pariser Institut Pasteur 2008 zusammen mit ihrem Landsmann Luc Montagnier den Nobelpreis in Medizin. Als Präsidentin der Internationalen Aids-Gesellschaft ist sie neben der australischen Infektologin Sharon Lewin Gastgeberin der 20. Welt-Aidskonferenz in Melbourne.

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