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Welt-Aids-Konferenz : Statt Heilung nur noch Remission

In mindestens einem Fall gelang dieser Ansatz bereits: 2008 bekam der Amerikaner Timothy Ray Brown, der an Leukämie erkrankte, eine Stammzelltransplantation. Dazu wurde an der Berliner Charité Knochenmark eines Spenders verwendet, der dank einer seltenen Mutation des CCR5-Gens (CCR5-Delta 32) immun gegen HIV ist. Brown gilt seither als „klinisch geheilt“. Der als „Berliner Patient“ berühmt gewordene Mann aus Seattle nimmt seit 2007 keine HIV-Medikamente mehr.

Sein damaliger Arzt Gero Hütter ist nun auch an dem europäischen Projekt einer möglichen HIV-Heilung durch Stammzelltransplantation (Epistem) unter Leitung von Javier Martínez-Picado vom Aids-Forschungsinstitut Irsi-Caixa in Barcelona und Annemarie Wensing vom Medizinzentrum der Universität Utrecht beteiligt.

„Gänzlich wohl nie zu eliminieren“

Wensing berichtete auf der Welt-Aids-Konferenz in Durban, dass derzeit 24 Patienten in ganz Europa zum Epistem-Projekt zählen. 15 von ihnen haben bereits eine Stammzelltransplantation bekommen, unter ihnen sind auch einige, deren Spender dank des Gendefekts keinen funktionstüchtigen CCR5-Rezeptor haben, an dem das Virus andockt.

Unabhängig davon sei aber bei allen 15 Patienten die Zahl der nachweisbaren HIV-Reservoire stark zurückgegangen, wohl weil die neugebildeten Immunzellen die infizierten attackiert und vernichtet haben. „Das hat es bei keiner anderen Heilungsstrategie bisher gegeben“, sagte Wensing. Bei vier Studienteilnehmern liegt die Transplantation schon mehr als drei Jahre zurück, von drei Patienten liegen genaue Ergebnisse vor. Zwei stammen aus Madrid, einer aus Düsseldorf.

Der Düsseldorfer Patient lässt sich mit dem älteren Berliner Fall vergleichen. Bei zwei von drei Fällen lässt sich kein HIV im Blut mehr nachweisen. Nur im Gewebe gab es noch geringe Spuren von Virus-Erbgut, doch das war auch beim Berliner Patienten der Fall. „Gänzlich lässt sich das HI-Virus wohl nie eliminieren“, meint Wensing, die bislang nur einen Teil des Gewebes untersuchen konnte. Derzeit würden die Lymphknoten der Patienten überprüft.

Stammzellen sind für viele keine Lösung

Erstaunlicherweise konnte bei einem der Patienten aus Madrid, der nicht das Knochenmark mit dem angeborenen CCR5-Gendefekt bekommen hatte, anders als bei dem Mann aus Düsseldorf, bislang noch weniger HIV in Blut und Gewebe nachgewiesen werden. „Da alle Epistem-Patienten noch eine antiretrovirale Therapie bekommen, können wir nicht mit Gewissheit sagen, dass sie von ihrer HIV-Infektion geheilt sind“, sagt Wensing. Der nächste Schritt wäre, die HIV-Medikamente abzusetzen, um zu sehen, ob das Virus wieder aktiv wird.

Eine Stammzelltransplantation kann keine Lösung für Millionen Menschen sein. Viele der Patienten sterben schon während der Behandlung: entweder an ihrer Leukämie oder ihrem Lymphdrüsenkrebs oder an Komplikationen, die Folge der Knochenmarkspende sind. So sei es schon ungewöhnlich, sagt Sharon Lewin, dass die drei Patienten überhaupt drei Jahre überlebt haben.

Die Forscher versprechen sich trotzdem neue Erkenntnisse, wie HIV mittels Gen-Therapie heilbar wäre, auch in Kombination mit anderen Ansätzen. Dafür werden bereits als Teil des Epistem-Projekts in ganz Europa Blutspender mit dem CCR5-Gendefekt gesucht, der bei etwa einem Prozent der europäischen Bevölkerung vorkommt.

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