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Richtig sprechen lernen : Behandeln wir die Richtigen?

Die Zahl der Kinder mit der Diagnose Sprachstörung ist in den vergangenen Jahren explodiert. Bild: Wonge Bergmann

Welche Kinder Logopädie wirklich brauchen, darüber streiten Ärzte und Therapeuten. Warum eigentlich?

          9 Min.

          Hoht“ statt „rot“. Und wenn man zu Mila sagte, sie könne „r“ und „ch“ nicht richtig aussprechen, dann antwortete das Mädchen trotzig: „dok“. Milas Mutter fand nichts dabei. „Ich habe das registriert“, sagt Kerstin Buschmann (Name geändert). „Aber ich dachte halt, das gibt sich von selbst.“ Schließlich war ihre Tochter erst drei. Als die Erzieherin in der Kita zum ersten Mal von Entwicklungstabellen redete und andeutete, Mila spreche vielleicht nicht altersgemäß, war Buschmann überrascht: „Ich bin nicht so die Mutter, die guckt, wann muss mein Kind was können.“ Dann wurde das Mädchen vier, und eine zweite Erzieherin riet ausdrücklich zu Logopädie.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ich war völlig unalarmiert“, erzählt Buschmann. „Aber ich habe Vertrauen in die Erzieherinnen unserer Kita.“ Nicht dass sie deshalb sofort zum Kinderarzt gerannt wäre. Aber die nächste Vorsorgeuntersuchung stand an. Als Mila dann mit einer Sprechstundenhilfe zum Sprachtest verschwand, als es anschließend hieß, alles okay, berichtete die Mutter von der Empfehlung der Kita. Bisher hatte Buschmann sich mit dem Kinderarzt, einem älteren Schulmediziner, gut verstanden. Jetzt änderte sich sein Ton. „Das war richtig unangenehm“, sagt Buschmann. „Der war aggressiv“: Viel zu früh! Wenn er kein Defizit feststelle, gebe es keins! Das sei nicht Sache der Kita! Er sei der Arzt! Und überhaupt: „Das lernt die schon noch!“

          Kerstin Buschmann ärgerte sich. „Da, wo ich wohne, gibt es bestimmt sehr viele überbesorgte Eltern“, sagt sie: Chinesisch für Dreijährige und Mütter, die sich von Geburt an fragten, ob ihr Kind für die Zukunft gerüstet sei – „dieser ganze Quatsch“. Aber von einem guten Kinderarzt erwarte sie, berechtigte Fragen ernst zu nehmen. Die Einschätzung des Mannes jedenfalls befriedigte sie nicht. Ihre scheue Tochter habe beim Sprachtest vermutlich kaum ein Wort gesagt, glaubt sie. Der Arzt selbst habe gar nicht mit dem Kind geredet. Die Erzieherinnen hingegen erlebten das Mädchen jeden Tag. „Was macht man da?“, fragt Buschmann.

          „Das wächst sich schon aus“

          Frauke Kern kennt solche Geschichten zur Genüge. Elterliche Sorgen würden von Kinderärzten bagatellisiert, Väter und Mütter als perfektionistisch und hysterisch abgetan. Eine Praxis in einer Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg, das große Regal mit Lernspielen und Material für Artikulationsübungen ist von einem Vorhang verdeckt. Kern ist im Vorstand des Deutschen Bundesverbands für Logopädie.

          Immer wieder, sagt die erfahrene Sprachtherapeutin, würden Eltern von Kinderärzten abgespeist mit der Behauptung: „Das wächst sich schon aus“ – anstatt die Kinder zur Abklärung zum Logopäden zu schicken. Wenn dann am Ende doch Therapie verordnet werde, sei es regelmäßig zu spät. „Oftmals kommen die Kinder erst mit fünf, wenn die Sprachentwicklung schon abgeschlossen ist.“ Dann jedoch herrsche Zeitdruck, weil die Einschulung bevorstehe, und die Kinder lernten nicht mehr so mühelos wie mit drei. „Das kann ich oft in einem Jahr gar nicht aufholen“, sagt Kern. Wie aber solle ein Kind selbstsicher in die Schule gehen, wenn es „f“ und „w“ nicht unterscheiden könne oder „Tanne“ statt „Kanne“ sage? Wie schreiben lernen?

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