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Stressige Zeit für Ärzte : Zwischen Husten und Herzstillstand

Probleme werden sich verschärfen

Die Pläne der Bundesregierung für 2015, die in der vergangenen Woche beschlossen wurden, werden das Problem noch verschärfen. Nach einem vom Bundeskabinett am Mittwoch verabschiedeten Gesetzentwurf sollen Versicherte demnächst binnen vier Wochen einen Termin beim Facharzt bekommen. Gelingt das nicht, kann der Patient zu einer ambulanten Behandlung in ein Krankenhaus gehen. Zwar sollen die Notaufnahmen dafür extra Geld bekommen; dass dies ausreicht, bezweifeln die Experten.

Schon jetzt klagen die Krankenhäuser, dass ihre Notaufnahmen nicht rentabel arbeiten können. Für die Behandlung eines Notfalls erhalten sie wie die niedergelassenen Ärzte eine Pauschale von etwa 30 Euro. Geht der Patient danach wieder nach Hause, verdient die Klinik nicht weiter an ihm. Die tatsächlichen Kosten für die Behandlung eines Patienten in der Notaufnahme liegen nach Schätzungen der DGINA aber eher bei 130 Euro, da Krankenhäuser moderne Geräte, teure Verfahren, viele Medikamente und vor allem Personal vorhalten müssen. Planbar ist in Notaufnahmen nämlich fast nichts.

Um für den wachsenden Ansturm der ambulanten Patienten besser gewappnet zu sein, setzen Kliniken auf neue Konzepte. Dazu gehört beispielsweise, dass sie neben der Notaufnahme eine Praxis eines niedergelassenen Hausarztes ansiedeln. Zeigt sich, dass ein Patient nicht schwerkrank ist und eigentlich in die Praxis eines Hausarztes gehört, kann dieser während der Öffnungszeiten direkt dort behandelt werden. Kosten für die Klinik entstehen dann keine – und es ist Zeit für wirkliche Notfälle.

Ganz neues Konzept für Deutschland

Auch Barbara Hogan verfolgt ein ganz neues Konzept für Deutschland. Anfang Oktober wechselte die Chefärztin von Hamburg nach Minden in die Region Ostwestfalen-Lippe. Von der Stadt auf das Land. Die dortigen Mühlenkreiskliniken wollen unter der Leitung von Hogan ihre Zentralen Notaufnahmen an den vier Standorten zu einer sogenannten Konzern-Notaufnahme zusammenschließen. „Das ist ein bisher einmaliges Projekt in Europa. Ich kenne das nur aus Amerika“, sagt Hogan – und sie muss es wissen, immerhin schmückt sie sich auch mit dem Titel Präsidentin der Europäischen Gesellschaft für Notfallmedizin.

Die Idee dahinter: Kleine Krankenhäuser auf dem Land können nicht solches Wissen und solche Technik vorhalten, wie das große Krankenhäuser in ihrer Notaufnahme können. Schließt man kleinere und größere Häuser zusammen, können die kleinen auf die großen zurückgreifen. Ganz praktisch sieht das so aus: Fällt jemand in dem kleinen Ort Rahden die Treppe runter, kann er dort in die Notaufnahme gehen. Wohnortnah. Die Röntgenbilder werden zur Begutachtung in das Haus der Maximalversorgung nach Minden geschickt, der Radiologe schaut darauf und schickt, wenn es sein muss, einen Spezialisten für Brüche am Sprunggelenk vom Krankenhaus Lübbecke ins Krankenhaus Rahden. So bleiben dem Patienten anstrengende Transportwege erspart, versorgt wird er aber genauso kompetent wie in einer großen Klinik.

Für die kommenden Feiertage wünschen sich Ärzte, ob in Hamburg, Minden oder Rahden, vor allem „einen ruhigen Dienst“ – wie Mediziner sagen. Dieser Wunsch ist keinesfalls egoistisch geprägt. Die Ärzte müssen ohnehin arbeiten, sie denken vor allem an die Patienten. Es ist schließlich Weihnachten, wer will da schon gerne ins Krankenhaus.

Lesen Sie jetzt: Am Puls der Notaufnahme – wie der Schockraum eines Krankenhauses funktioniert. Und am Samstag an dieser Stelle: Das Interview mit einem Arzt über die Psychologie des Wartens.

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