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Wasserspender : Mediziner warnen vor Gesundheitsrisiken

Wer aus Wasserspendern trinkt, riskiert gesundheitliche Folgen Bild: picture-alliance/ dpa

Ob in Arztpraxis, Rathaus oder Anwaltskanzlei: Wer Durst hat, kann diesen fast überall an Wasserspendern löschen. Doch Mediziner lassen nicht nach mit ihrer Kritik an den bläulich schimmernden Geräten: Sie seien Brutstätten für Keime.

          Sie stehen in fast jeder Anwaltskanzlei, in Drogeriemärkten, Arztpraxen und Rathäusern. Blau schimmert das Trinkwasser in den aufgesetzten Kunststoff-Gallonen. Kunden oder Patienten greifen gern zu den kleinen Pappbechern. Das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Deutschen hat den Herstellern von Wasserspendern märchenhafte Umsatzzuwächse eingebracht. Schließlich empfiehlt der Hausarzt, am Tag zwei, besser drei Liter zu trinken.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Medizinisch ist das lobenswert. Profitiert hat davon aber in Deutschland vor allem die junge Industrie der Wasserspender-Hersteller. 1997 gab es in Europa gerade einmal 500.000 dieser Behälter, zehn Jahre später waren es 4,2 Millionen. In Deutschland verdoppelte sich die Zahl der „Bottled Water-Cooler“ zwischen 2001 und 2007. Heute stehen etwa 140.000 Wasserspender in deutschen Wartezimmern und Behörden. Wie einträglich das Geschäft ist, zeigen zwei Zahlen: Eine Gallone für einen Wasserspender mit 18 Litern Inhalt kostet zwischen acht und zwölf Euro. 1000 Liter Leitungswasser kosten nur vier Euro.

          Beängstigende Untersuchungsergebnisse

          Doch Hygienefachleute wie der emeritierte Freiburger Umweltmediziner Franz Daschner sind beunruhigt: „Die Leitungen dieser Geräte sind häufig mit Keimen kontaminiert, dort bildet sich aus Ablagerungen ein Schleim. Es ist sehr schwer, diese Leitungen sauber zu halten.“ Im Jahr 2007 veröffentlichte der Biologe Stefan Adler, ein ehemaliger Mitarbeiter Daschners, in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ eine Untersuchung über die Trinkwasserqualität der Geräte. Danach waren bei 87,5 Prozent der Proben (40 überprüfte Water-Cooler) die mikrobiologischen Grenzwerte der Trinkwasserverordnung überschritten.

          Eine Probe enthielt Pseudomonas aeruginosa, eine andere Rahnella aquatilis und eine weitere Serratia liquefaciens. „Das sind Keime, die seit Jahrzehnten als Erreger von lebensbedrohlichen Infektionen bei abwehrgeschwächten Patienten bekannt sind“, sagt Daschner. Auch Coli-Bakterien und Streptokokken fanden Daschner und Adler vereinzelt im Wasser der Water-Cooler. „Für gesunde Menschen ist das Wasser ungefährlich, Menschen mit einem geschwächten Immunsystem können erkranken“, sagt Adler. Die Forscher raten deshalb vom Gebrauch von Water-Cooler-Geräten aus hygienischen Gründen ab. Unsachgemäße Aufstellung, mangelhafte Reinigung oder nachlässige Wartung könnten die Ursache für die Verkeimung sein.

          Betreiberfirmen wehren sich

          Die großen Firmen, die Wasserspender vertreiben, haben sich zu einem eigenen Verband zusammengeschlossen, der „German Bottled Watercooler Association“ (GBWA). Im Juni 2005 erließ der Verband eine „Leitlinie für Gute Hygiene Praxis für Water-Cooler-Unternehmen“. Das Bundesinstitut für Risikobewerbung (BfR) begrüßte diese Leitlinie, übte aber auch Kritik: So müsse die Standzeit der Gallonenbehälter auf zwei Wochen begrenzt werden. Außerdem empfahl das Institut, die mikrobiologischen Anforderungen der Mineral- und Trinkwasserverordnung auf den „Anwendungsbereich am Kunden, das heißt für die Abgabe an den Verbraucher“, auszudehnen. Die Verordnung schreibt zwar eine Höchstzahl an Keimen vor, diese gilt aber bislang nur für Proben, die innerhalb von zwölf Stunden nach der Abfüllung entnommen und untersucht werden. Für den Zeitpunkt der Abgabe des Wassers an den Verbraucher gelten bei frei stehenden Wasserspendern die nach der EU-Trinkwasser-Richtlinie vorgeschriebenen Grenzwerte nicht.

          Der GBWA-Vorsitzende Gustav Felix hält die Forderungen der Umweltmediziner zum Teil für ungerechtfertigt: „Die Keimzahl wird 12 Stunden nach der Abfüllung nicht mehr gemessen. Das sind emotionale Werte, die haben keine Auswirkung auf die Gesundheit.“ In einer Stellungnahme der GBWA zu den Vorwürfen der Freiburger Umweltmediziner heißt es sogar: „Für Keime, die danach auf natürlichem Wege entstehen, gibt es keine Obergrenzen, da sie für die Verbraucher unschädlich und in keiner Weise gesundheitsgefährdend sind.“ Den Vorschlag des BfR, die Verweildauer von geöffneten Gallonen zu begrenzen, hält Felix für prüfenswert: „Der Kodex des europäischen Verbandes schreibt vor, die geöffnete Flasche nicht länger als drei Wochen auf dem Cooler zu haben. Wir werden weitere Untersuchungen machen, ob es vielleicht nicht doch besser zwei Wochen sein sollten.“

          Durch hohe CO2-Bilanz auch umweltschädlich

          Franz Daschner, „Hygienepapst“ der Freiburger Universitätsklinik, hält die Verbesserungen des Verbandes für unzureichend: „Trinkwasser aus der Leitung ist natürlich nie steril. Wir haben aber bei den Wasser-Coolern, die in Banken, Arztpraxen oder Apotheken standen, Keime gefunden, die nicht zur normalen Trinkwasserflora gehören und die der Trinkwasserverordnung nicht mehr entsprechen.“ Ein Problem ist die Kontrolle der Hygiene an den Geräten. Nach Angaben der GBWA stammen zwar 85 Prozent aller Water-Cooler in Deutschland von Firmen, die dem Verband angehören und die sich verpflichtet haben, die Vorschriften der Hygienerichtlinie zu erfüllen. Doch fehlen verlässliche Zahlen darüber, wie viele Kunden bei der Aufstellung des Geräts auch einen Wartungsvertrag abgeschlossen haben. „Wenn ein Kunde auf einen Wartungsvertrag verzichtet, wird er daran erinnert, wie das Gerät zu warten ist“, sagt Felix. Doch gewährleistet dies, dass die Leitungen und Zapfhähne regelmäßig ausgetauscht oder desinfiziert werden?

          Viele Kritiker halten die leitungsunabhängigen Wasserspender überdies für umweltschädlich. Im Vergleich zum Leitungswasser sei die CO2-Bilanz des Gallonen-Tafelwassers sehr schlecht. Große Institutionen wie die Tübinger Universitätsklinik setzen deshalb auf leitungsgebundene Schankanlagen, die Leitungswasser durch Filterung zu hochwertigem Tafelwasser veredeln. Aus 140 dieser Schankanlagen können sich mehr als 1000 Patienten mit Trinkwasser versorgen.

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