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Wespenplage : Das bringt doch alles nichts!

  • -Aktualisiert am

Im Anflug: Wespen steuern ihr Nest an. Bild: dpa

Es herrscht Wespenalarm in Deutschland. Ganze Bäckerstände müssen schließen, Fußgänger werden attackiert, Menschen fliehen ins Innere. Wir verraten, was gegen Wespen hilft - und was nicht.

          5 Min.

          Die Wespen kommen. Nirgends ist man vor ihnen sicher, ob im Biergarten, im Restaurant oder auf dem Balkon. Überall verzweifelt fluchende, um sich schlagende Menschen. Die Wespenhysterie hat Deutschland fest im Griff, dabei ist es jedes Jahr das Gleiche: Im Spätsommer stirbt die Königin eines Wespenvolks, anschließend werden ihre Arbeiterinnen arbeitslos und begeben sich auf Nahrungssuche. Süße und energiereiche Lebensmittel stehen ganz oben auf ihrer Liste. Und so wurde auch für 2015 wieder ein „Superwespenjahr“ ausgerufen.

          Aber ist das nur eine Nachricht aus dem Sommerloch, oder ist da wirklich was dran? „Wir können das nur bedingt bestätigen“, sagt Bernhard Traulich vom Frankfurter Umwelttelefon - er ist dort zuständig für die Wespenberatung. Wegen des warmen Frühlings und bislang trockenen Sommers gebe es etwas mehr Wespen als sonst, allerdings sei das nichts Dramatisches, und schon gar nicht seien sie aggressiver. Vor allem sind die Wespen früher dran: „Wir kriegen schon seit Ende Juli vermehrt Anrufe, normalerweise geht das erst Mitte August los.“

          Was aber tun gegen die schwarzgelben Plagegeister? An sogenannten „Wespentipps“ mangelt es nicht, doch hilft all das, was im Netz und in Ratgebern kursiert?

          Wespen töten

          Ein kleiner Schlag mit der Sonntagszeitung, und tot ist sie. Problem gelöst? Mitnichten. Denn der Zusammenhalt unter Wespen ist stärker, als man glaubt: „Tötet man eine Wespe, werden die anderen nur aggressiver“, stellt Lars Krogmann, Biologe und Wespenforscher am Stuttgarter Naturkundemuseum, fest. Seit Jahren forscht er zu den Insekten und kann nur davor warnen, ihnen das Leben zu nehmen. Bei einem Tötungsversuch wechselt die Wespe vom Verteidigungs- in den Angriffsmodus, und die Gefahr, gestochen zu werden, steigt. Auch von Fallen, etwa aus Sirup oder ähnlich süßen Flüssigkeiten, rät er ab. Darin verenden sie qualvoll, und dann gibt die sterbende Wespe auch noch ein Pheromon ab, das weitere kampfeslustige Artgenossen anlockt.

          Kaffeepulver anzünden

          Angeblich ein alter Trick. Kaffeepulver oder -bohnen in eine feuerfeste Schale geben, ein brennendes Streichholz hineintun und warten, bis der Kaffee anfängt zu glühen. Dieses kleine Feuerchen setzt Röstaromen frei, von denen die Wespen angeblich Abstand nehmen. Für zwei Stunden, so heißt es. Wespenforscher Krogmann ist aber skeptisch: „Wespen haben so feine Riechorgane, dass sie geringste Duftmoleküle wahrnehmen. Brennendes Kaffeepulver wird sie ganz sicher nicht irritieren.“ Zumindest unangenehm riechen dürfte der Rauch nicht.

          Kupfermünzen, Essen abdecken oder gleich totschlagen? Nicht alles hilft gegen Wespen.
          Kupfermünzen, Essen abdecken oder gleich totschlagen? Nicht alles hilft gegen Wespen. : Bild: plainpicture/OJO

          Ablenkfütterung

          Vor ein paar Jahren schien es, also ob zwei Schülerinnen im Rahmen des Wettbewerbs „Jugend forscht“ den Kampf gegen Wespen gewonnen hatten: mit überreifen Weintrauben. Die soll man in einer Schale fünf bis zehn Meter vom Ort des Geschehens entfernt aufstellen; Ablenkfütterung nennt der Tierschützer das. Wespenforscher Krogmann sagt anerkennend: „Sollten Wespen lernen, dass es an einem bestimmten Ort viel Nahrung gibt, werden sie diesen gezielt anfliegen. Dann werden die meisten nicht zum Kaffeetisch kommen, sondern daran vorbeifliegen.“ Er gibt aber auch zu bedenken, dass dadurch die „Attraktivität des Gebiets für die Wespen erhöht“ werde und so das Nest rascher wachsen könne, weil einfach mehr Nahrung da sei. „Dann begünstigen Sie eigentlich das, was Sie gar nicht haben wollen.“ Es kommen immer mehr Wespen, und ganz blind passieren diese den Kaffeetisch dann eben doch nicht.

          Pflanzliche Duftstoffe verwenden

          Ein Anti-Wespen-Evergreen. Hölzer oder Kissen mit pflanzlichen Duftstoffen wie etwa Nelkenöl einreiben, und schon sind die Tiere weg. Wirklich? „In einem kleinen Raum, in dem es stark nach Öl riecht und wo das Fenster nur leicht geöffnet ist, mag das vielleicht helfen. Aber wer will das denn schon riechen?“, fragt Krogmann. Niemand, ist wohl die Antwort. Und auch beim Geruch von konventionellen Pflanzen wie Tomaten, Basilikum oder Weihrauch muss der Wespenkenner erst einmal tief Luft holen: „Klar mag das eine minimale Wirkung haben, denn die Pflanzen geben Gerüche ab, die von den Wespen auch erkannt werden. Aber Wespen werden sich nicht von ein paar Duftmolekülen abhalten lassen, das zu machen, was sie wollen.“ Nämlich Kuchen essen und Limonade trinken, und zwar erbarmungslos.

          Schade, Marmelade: Wespen haben das Glas in Beschlag genommen
          Schade, Marmelade: Wespen haben das Glas in Beschlag genommen : Bild: dpa

          Kupfermünzen auslegen

          In vielen Bars und Cafés glänzen derzeit wieder die Tische. Ganze Berge von Kupfermünzen werden auf ihnen plaziert, und viele Gäste bestätigen: „Das hilft!“ Die fachliche Erklärung geht dann in etwa so: Erhitze die Sonne das Kupfer, entstehe für die Wespen eine Geruchsbarriere, die sie nicht mehr passieren könnten. Auch das Reiben der Münzen an den Händen hilft - womöglich. Silvia K., Kellnerin in der Affentorschänke im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, schwört ebenfalls darauf: „Wenn es jetzt wieder besonders schlimm ist mit den Wespen, lege ich den Gästen ein paar Centmünzen auf den Tisch, und im Nu verschwinden sie“, behauptet die Kellnerin. Alles nur Hokuspokus oder tatsächlich ein wirksames Gegenmittel? „Das ist wirklich der schwachsinnigste Vorschlag von allen. Der hat absolut gar keinen Effekt“, regt sich Biologe Krogmann auf. Dieser Mythos stamme wohl noch aus der Zeit, als man dem Kupfer eine Giftwirkung zugesprochen hat - „aber da ist rein gar nichts dran.“ Das Geld kann man aber trotzdem liegen lassen, als Trinkgeld wohlgemerkt.

          Keine knalligen Farben tragen

          Wespen haben nicht nur einen ausgeprägten Geruchssinn, auch Farben können sie erkennen. Besonders bunte und knallige Farben verwechseln sie mit einer blühenden Sommerblume und fliegen diese erst recht an. Daher gilt es vor allem rote, gelbe und blaue Kleidungsstücke zu vermeiden. Auch bei der Tischdekoration ist das der Fall. „Farben spielen für Wespen bei der Nahrungssuche eine Rolle“, gibt Wespenforscher Krogmann zu, „aber eine sehr untergeordnete.“ Wenn es irgendwo verführerisch dufte, würden sie dem Duft folgen, die Farbe sei ihnen jedoch völlig egal. Dennoch: Wer versuchen möchte, Wespen mit Kleidung zu verscheuchen, der trage am besten Weiß.

          Getränke und Essen zudecken

          Es ist die wohl nervigste Methode. Nach jedem Schluck ein Bierdeckel aufs Glas, nach jeder Mahlzeit sofort das Geschirr wegräumen. Lars Krogmann sieht in ihr aber das „wichtigste“ Vorgehen: Das Marmeladenglas gleich schließen, die Limonade mit dem Strohhalm trinken, alles weg vom Tisch, ständig saubermachen. So gelangen möglichst wenige „von diesen verführerischen Molekülen“ in die Luft, und die Wespen bleiben mit ein wenig Glück dem Geschehen fern.

          Ruhe bewahren

          Kommen Wespen an den Tisch, ist es das ewige Spiel: Wer schreit als Erstes? Haben die schwarzgelben Insekten einmal für Unruhe gesorgt, ist die nächste Etappe erreicht: Wer klugscheißt als Erstes? „Bleib doch einfach mal ruhig!“ - und schon herrscht schlechte Stimmung. Dabei sei es die „allerbeste Strategie“, findet Wespenforscher Krogmann, wenn man hektisches Herumfuchteln und wilde Bewegungen unterlasse. So rege man die Tiere nicht auf, und irgendwann verschwänden sie von ganz allein.

          Bernhard Traulich von der Frankfurter Wespenberatung kann ihm da nur beipflichten. Auch er rät seinen Anrufern erst einmal, „möglichst ruhig zu bleiben“. Alle anderen Ratschläge seien „Voodoo“ und würden nur demjenigen Aufmerksamkeit verschaffen, der solche Ratschläge gebe. Aber ist das nicht doch leichter gesagt als getan? Ist kleinen, um sich schlagenden Kindern mit einem einfachen „Halt still!“ geholfen? „Die Erwachsenen haben hier eine Vorbildfunktion“, meint Lars Krogmann, „sie müssen Ruhe bewahren, denn kleine Kinder schauen sich alles genau von ihnen ab.“ Zudem sollten Eltern bei Kindern darauf achten, dass diese keinen Eis- oder Schokoladenmund und keine klebrigen Hände haben. Einfach mit einem feuchten Tuch abwischen, schon ist die Gefahr gebannt.

          Fazit

          Ein Allheilmittel gegen Wespen muss noch erfunden werden, bis dahin heißt es „Ruhe bewahren“. Auch Michaela Then, Bäckereifachverkäuferin auf dem Wochenmarkt im Frankfurter Stadtteil Bockenheim, sieht das so: „Ich habe alles ausprobiert, von abbrennendem Kaffee über Wasserflaschen mit Zucker und Essig bis hin zu Basilikumpflanzen, ich habe Zitronen mit Nelken bestückt, Kupfermünzen ausgelegt - geholfen hat nichts.“ Fuchsteufelswild bevölkern die Wespen ihre Backwaren und nagen am Zuckerguss.

          Es sei dieses Jahr schon schlimmer als sonst, gibt sie zu, aber viel tun könne man eben nicht. Lars Krogmann ist der gleichen Meinung: „Wenn man seine Verhaltensweisen auf die Wespe ausrichtet, dann hat man schon verloren.“ Die ganzen Tipps sind für ihn ein „Zeichen der Naturentfremdung“. „Wir müssen einfach akzeptieren, dass wir nicht alles handhaben können.“ Dieses Jahr sei für ihn bislang ein „sehr durchschnittliches Wespenjahr“; was vermehrt auftrete, seien die Meldungen darüber.

          So werden uns die Wespen noch den restlichen Sommer über ein ständiger Begleiter bleiben - bis etwa Ende September. Kommt nämlich der erste Frost, sterben sie alle, lediglich die Jungkönigin überlebt wohlbehütet in einem Erdloch, unter morschem Holz oder Baumrinde. Im Frühjahr baut sie für ihren zukünftigen Staat ein Nest, aus dem ihre treuen Arbeiterinnen hervorgehen werden. Und im nächsten Sommer wird es wieder heißen: Die Wespen kommen.

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