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Komapatienten : Bitte wach auf!

  • -Aktualisiert am

Apparate, Apparate, Apparate und dann ein Lebenszeichen. Bild: Roger Hagmann

Nach einem Herzstillstand liegt der Bruder im Koma. Keine Bewegung seines Körpers mehr und kein Wort mehr aus seinem Mund. Die Ärzte fragen nach einer Patientenverfügung, dann passiert etwas sehr Seltenes.

          8 Min.

          Blut. Ein großer, roter Fleck breitet sich auf dem schmalen Asphaltweg aus, der durch das kleine Wäldchen an den Rand der Siedlung führt. Kein Regen hat die Spuren gnädig weggewischt. Fassungslos stehe ich vor diesem Fleck, der unnatürlich rot ins Auge sticht. Was tue ich hier eigentlich? Wieso stehe ich hier und schaue auf das Blut meines Bruders?

          Zwei Tage zuvor ist er an dieser Stelle gestürzt, nachdem erst sein Herz und dann er selbst ins Stolpern kam und ungebremst auf den Asphalt schlug. Kurz nach dem Abendessen kam der Anruf. Worte, die wie dicke Watte durch den Hörer quollen: Carsten, Kollaps beim Joggen, Intensivstation. Mein Bruder ist 53, seit Jahren läuft er Marathon. Eine elende Quälerei, die ich nie verstanden habe.

          Seine Freundin erreiche ich per Handy noch im Notarztwagen. Die Sanitäter haben ihn nach Kammerflimmern wiederbelebt. Bei dieser Rhythmusstörung zuckt das Herz nur noch unkoordiniert, fördert kein Blut mehr in den Kreislauf. Sofort hatte sein Lauffreund Frank die Herzmassage begonnen. Laienreanimation nennen die Profis das. Jede Sekunde zählt, jedes bisschen Sauerstoff und Blut, das so noch ins Gehirn gepumpt wird. Zehn Minuten dauert es, bis der Rettungswagen eintrifft. Minuten, die sich bis zur Ewigkeit dehnen.

          Wie wird er aufwachen?

          Frank ist in Erster Hilfe geschult, ein purer Zufall, dass er mit trainierte. Die meiste Zeit läuft mein Bruder allein. Ein Zufall auch, dass eine Anwohnerin gerade am Fenster stand, als er zu Boden stürzte. Sie rief den Notarzt. Ihr Mann steht plötzlich neben mir und dieser vermaledeiten Blutlache. Er berichtet von dem Unfall und stellt sich vor. Er heiße Ludwig, sagt er - so wie mein Bruder und ich. Ungläubig starre ich ihn an.

          Der Anblick auf der Intensivstation ist ein Schock. Die Stirn geschwollen und blutverkrustet, ein Beatmungsschlauch im Mund, ein halbes Dutzend Kabel und Schläuche führen zu Beuteln mit Flüssigkeit, piepsenden Apparaturen und Monitoren. Regungslos liegt mein Bruder unter einem dünnen Laken. Sein Körper ist kalt, heruntergekühlt auf 32 Grad.

          Die Ärzte haben ihn in ein künstliches Koma versetzt. Das soll das Gehirn schützen. Als ich klein war, hat mein älterer Bruder mich geärgert, jetzt sieht er so zerbrechlich, hilflos, fast ängstlich aus. Ich streichele seine kühle Stirn, fühle Panik in mir aufsteigen. In welchem Zustand wird er aufwachen, und was ist, wenn er nicht mehr aufwacht?

          Die glücklichen 30 Prozent

          Die Prognose der Ärzte ist während der ersten Tage noch gut. Sie gehen zunächst von keinen bleibenden Schäden aus. Die Herzuntersuchungen haben keinen Infarkt oder organische Erkrankungen ergeben, die Röntgenaufnahmen und Computertomographien keine Brüche oder inneren Verletzungen erkennen lassen. Die Reanimation kam wohl schnell genug, heißt es, aber Genaues wisse man erst, wenn er aufwache. Die Ärzte vermuten eine Myokarditis, eine Herzmuskelentzündung in Folge einer nicht auskurierten Erkältung als Ursache.

          Plötzlicher Herztod, mehr als 100.000 Menschen sterben in Deutschland daran jedes Jahr. Es ist eine der häufigsten Todesursachen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Männer sind dreimal so häufig betroffen wie Frauen. Meist sind Stress und eine Vorerkrankung des Herzens der Auslöser. Bei einem Vorfall außerhalb eines Krankenhauses liegt die Erfolgsquote der Wiederbelebungsmaßnahmen bei nur rund 30 Prozent.

          Meine Familie muss einen Schutzengel haben. Meine Mutter überlebte einen Herzstillstand, weil er sie in der Sprechstunde ihrer Hausärztin ereilte, mein Bruder, weil sein Laufpartner wusste, was im Notfall zu tun ist. Trifft mich das irgendwann auch?

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