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Notfallmittel ohne Rezept : Die „Pille danach“ beunruhigt Frauenärzte

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Das Notverhütungsmittel ist schon optisch kaum mit Smarties zu verwechseln. Bild: dpa

Neuerdings gibt es die „Pille danach“ rund um die Uhr, ohne Rezept und ohne Altersbeschränkung. Frauenärzte sehen darin keinen Fortschritt. Sie warnen vor ganz neuen Risiken für Mädchen und Frauen.

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          Frauenärzten ist nichts Menschliches fremd. Sie erleben viel und sehen manches. Deshalb glauben sie nicht einfach alles, was man ihnen sagt. Sie hören mit gesunder Skepsis zu. Gar nicht glauben wollen sie, was ihnen Pharmaindustrie, Bundesregierung und Apotheker in den letzten Wochen versprochen haben: dass bei der rezeptfreien Abgabe der „Pille danach“ eine kompetente Beratung in der Apotheke stattfindet, dass das Medikament nur an die betroffenen Frauen selbst abgegeben wird, dass der Kauf auf Vorrat ausgeschlossen ist und ein Missbrauch auch. Bis zuletzt haben die Frauenärzte gegen die Freigabe protestiert und vor „dramatischen Folgen für Mädchen und Frauen“ gewarnt - vor steigenden Abtreibungsraten und gesundheitlichen Risiken. Ohne Erfolg. Ab heute gibt es die „Pille danach“ ohne Altersbeschränkung rezeptfrei in der Apotheke, nachts und an Wochenenden auch am Notdienstschalter.

          Sicher, Konflikte zwischen Ärzten und Apothekern gibt es immer wieder. Mediziner sind grundsätzlich skeptisch, wenn statt Fachärzten die Apotheker über Medikamente aufklären sollen. Dabei spielen gewiss auch Geschäftsinteressen der Ärzte eine Rolle. Doch in diesem Fall ist die Vehemenz des ärztlichen Widerstandes überraschend. Sowohl der Berufsverband der Frauenärzte, in dem 14.000 niedergelassene Ärzte organisiert sind, als auch die beiden wissenschaftlichen Fachgesellschaften der deutschen Gynäkologie haben bis zuletzt versucht, die Freigabe zu verhindern: „Eine fehlerhafte Beratung erhöht die Gefahr unerwünschter Schwangerschaften dramatisch“, sagt Diethelm Wallwiener von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Er befürchtet, dass nach der Freigabe „die Abbruchraten als Folge einer lückenhaften Aufklärung ansteigen könnten“.

          Nur die „Christdemokraten für das Leben“ sind weiter dagegen

          Neu ist der Streit um die „Pille danach“ nicht, doch hat sich die Diskussion im Laufe der Jahre verändert. Das liegt vor allem daran, dass nach der heftig umstrittenen Abtreibungspille RU486 andersartige Medikamente entwickelt wurden. Diese versprechen, keine abtreibende Wirkung zu haben, sondern die Befruchtung der Eizelle zu verhindern, etwa durch eine hormonell herbeigeführte Verzögerung des monatlichen Eisprungs.

          Die Tablette „ellaOne“ des französischen Herstellers HRA Pharma, die erst 2009 auf den Markt kam, hat sich in kurzer Zeit international durchgesetzt, weil sie noch bis zu 120 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr eine Schwangerschaft verhindern kann. „ella-One“ und ein ähnliches Medikament desselben Herstellers werden in Deutschland derzeit 400.000 Mal pro Jahr verkauft, Tendenz steigend. In der kleinen Schweiz, wo es sie schon seit Jahren rezeptfrei gibt, werden schon jetzt über 100.000 Stück pro Jahr verkauft. In Deutschland lehnte der Bundestag die Freigabe noch im vorletzten Jahr mit der Begründung ab, eine umfassende Beratung sei unabdingbar. Der CDU-Politiker Jens Spahn erregte damals Aufsehen mit seiner Bemerkung, es handele sich nun einmal „um ein Medikament mit Nebenwirkungen und nicht um Smarties“.

          Dann aber folgte im vergangenen November eine Entscheidung der EU-Kommission, die in diesem Fall auch für die Marktzulassung zuständig war: Sie entschied, den Wirkstoff in „ellaOne“ EU-weit freizugeben. Dieser Entscheidung beugt sich nun auch der Gesetzgeber in Deutschland und setzt sich zugleich über das Votum der Fachmedizin hinweg. Selbst in der CDU und CSU löste sich der langjährige Widerstand in den letzten Monaten in Luft auf. Innerhalb der Union halten nur die „Christdemokraten für das Leben“ ihren Protest aufrecht: „Es ist zu befürchten, dass die hochdosierte ,Pille danach‘ bald mit gleicher Selbstverständlichkeit über den Apothekertresen gereicht wird wie ein Lifestyle-Mittel“, sagt die Vorsitzende Mechthild Löhr.

          „Pro familia“ will Kostenübernahme auch ohne Rezept

          Auf großen Zuspruch stößt die Freigabe dagegen bei „pro familia“. Da in 80 Prozent aller Fälle das Medikament am Wochenende gebraucht werde, habe die Rezeptpflicht oft zu Verzögerungen geführt. „Der wichtigste Vorteil ist, möglichst schnell und unkompliziert nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr aktiv zu werden, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern“, sagt Daphne Hahn, die Vorsitzende von „pro familia“. Allerdings fordert der Verband noch weitere Liberalisierungen. Zwar übernimmt der Staat die Kosten für die „Pille danach“ bei Frauen bis 20, aber dafür müssen sie nach wie vor ein Rezept vorlegen, so dass sich für sie im Augenblick nichts ändert - es sei denn, sie zahlen selbst. „Pro familia“ will in diesen Fällen eine Kostenübernahme durch die Kassen auch ohne Rezept. Und für Hartz-IV-Empfänger fordert „pro familia“ eine generelle Kostenübernahme für sämtliche Verhütungsmittel durch den Steuerzahler.

          Auch die Apotheker sind - naturgemäß - hochzufrieden. Vor allem die Umsätze in den Notdienstzeiten am Wochenende dürften steigen. Anders als die Frauenärzte haben die Apotheker auch keine Bedenken, dass das Medikament sorgsam verabreicht wird. Weder werde es eine Abgabe an Dritte geben noch einen Versand über das Internet. „In der Regel“ werde die „Pille danach“ auch nicht an Mädchen unter 14 verkauft. Und die „qualifizierte Beratung“ sei auch in der Apotheke jederzeit gewährleistet, meint die Patientenbeauftragte des Hessischen Apothekerverbandes, Mira Sellheim.

          Hilft die Pille Sexualstraftätern?

          Das sehen die Frauenärzte anders. Wie soll eine Beratung aussehen, die mitten in der Nacht an einem kleinen Fenster zur Straße hin stattfindet? Wie soll verhindert werden, dass die Frauen die „Pille danach“ auf Vorrat kaufen und für alle Fälle immer dabei haben? Könnte die „Pille danach“ als normale Verhütungsmethode missverstanden werden, obwohl die Hormonbelastung für die Frauen viel größer ist als bei der normalen Pille? „Pro familia“ jedenfalls hat nichts dagegen, wenn Mädchen die „Pille danach“ schon einmal auf Vorrat kaufen. Im Gegenteil, der Verband ruft Jugendliche in einer Broschüre genau dazu auf: „Wenn ihr auf Nummer sicher gehen wollt, ist es vielleicht eine Möglichkeit, sich ein Notfallpäckchen zuzulegen. So ein Notvorrat kann auch sinnvoll sein, wenn du ins Wochenende oder in den Urlaub fährst. Für den Fall der Fälle...“

          Frauenärzte haben dagegen Angst, dass die „Pille danach“ ohne ärztliche Beratung falsch eingenommen oder ihre Risiken missverstanden werden: „Bei höherer Dosierung und wenn eine Schwangerschaft schon vorliegt, besteht die Gefahr lebensbedrohlicher Blutungen.“ Auch sei kaum bekannt, dass die normale Pille nach der Einnahme der „Pille danach“ bis zur nächsten Menstruation nicht mehr wirke. Ohne ärztliche Beratung rechnen die Gynäkologen sogar mit steigenden Abtreibungsraten aufgrund der Rezeptfreigabe der „Pille danach“. Derzeit geht die Zahl der Abtreibungen in Deutschland leicht zurück. Allerdings wird nach wie vor jede achte Schwangerschaft durch die Abtreibung des ungeborenen Kindes beendet.

          Doch die Gynäkologen haben noch eine ganz andere, schlimme Befürchtung: Hilft der schnelle unbürokratische Zugang zur „Pille danach“ am Ende ausgerechnet Sexualstraftätern? In ihrem Kommentar zu den Ausführungsbestimmungen machen die Gynäkologen aus dieser düsteren Phantasie kein Geheimnis, auch wenn sie diplomatisch von einem „erheblichen Gefahrenpotential für Mädchen und Frauen nach einem Gewaltdelikt innerhalb gefestigter sozialer Strukturen“ sprechen. Im Klartext heißt das: Bei Vergewaltigungen, vor allem in der Familie und im engsten sozialen Umfeld des Täters, könnte der Täter die „Pille danach“ schon vorsorglich gekauft und mitgebracht haben, um sie dann dem Opfer zwangsweise zu verabreichen. Eine Vaterschaft, die ihn als Täter überführen könnte, würde er so verhindern - was er in der Vergangenheit nicht konnte.

          Hersteller antwortet mit neuer Preisoffensive

          Ist das zu weit und zu kompliziert gedacht? Alles nur Panikmache? Das meint man jedenfalls bei „pro familia“, wo man mit solchen Ängsten nichts anfangen kann. Man hält die Kommentare der Ärzte für völlig abwegig und interessegeleitet. Außerdem zeige die Erfahrung in anderen Ländern, in denen diese Medikamente schon länger rezeptfrei sind, dass solche Ängste unbegründet seien.

          Die Bundesärztekammer fordert gemeinsam mit den Gynäkologen eine genaue Untersuchung der verschiedenen Entwicklungen in den nächsten fünf Jahren. Insbesondere solle beobachtet werden, ob die Zahl der Abtreibungen bei Teenagern steigt und inwieweit sich Nebenwirkungen und Beschwerden bei Mehrfachnutzung der „Pille danach“ einstellen, worüber es bislang keine gesicherten Erkenntnisse gibt. Noch hat die Politik auf die Forderung der Ärzte nicht reagiert.

          Der große Gewinner der Rezeptfreigabe in Deutschland steht unterdessen längst fest: Die Firma HRA, die seit Jahren in intensiver Lobbyarbeit in Deutschland, aber auch in Straßburg und Brüssel auf die Freigabe hingearbeitet hat, macht aus ihren Geschäftsinteressen kein Geheimnis. Sie antwortet auf die Freigabe vielmehr mit einer neuen Preisoffensive und senkt den Preis für die „Pille danach“ von knapp 36 auf knapp 30 Euro. Die Preissenkung unter die Marke von 30 Euro soll helfen, die Marktführerschaft rasch auszubauen und auf lange Sicht das Monopol zu sichern. Gut möglich, dass sich „Ella“ auch als alltagssprachlicher Begriff durchsetzt und zum Synonym für die „Pille danach“ wird. Da es keine Konkurrenzprodukte anderer Firmen gibt, hat HRA noch viel Zeit, das Markenimage der „Ella“ zu festigen.

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