https://www.faz.net/-gum-8100m

Notfallmittel ohne Rezept : Die „Pille danach“ beunruhigt Frauenärzte

  • -Aktualisiert am

Frauenärzte haben dagegen Angst, dass die „Pille danach“ ohne ärztliche Beratung falsch eingenommen oder ihre Risiken missverstanden werden: „Bei höherer Dosierung und wenn eine Schwangerschaft schon vorliegt, besteht die Gefahr lebensbedrohlicher Blutungen.“ Auch sei kaum bekannt, dass die normale Pille nach der Einnahme der „Pille danach“ bis zur nächsten Menstruation nicht mehr wirke. Ohne ärztliche Beratung rechnen die Gynäkologen sogar mit steigenden Abtreibungsraten aufgrund der Rezeptfreigabe der „Pille danach“. Derzeit geht die Zahl der Abtreibungen in Deutschland leicht zurück. Allerdings wird nach wie vor jede achte Schwangerschaft durch die Abtreibung des ungeborenen Kindes beendet.

Doch die Gynäkologen haben noch eine ganz andere, schlimme Befürchtung: Hilft der schnelle unbürokratische Zugang zur „Pille danach“ am Ende ausgerechnet Sexualstraftätern? In ihrem Kommentar zu den Ausführungsbestimmungen machen die Gynäkologen aus dieser düsteren Phantasie kein Geheimnis, auch wenn sie diplomatisch von einem „erheblichen Gefahrenpotential für Mädchen und Frauen nach einem Gewaltdelikt innerhalb gefestigter sozialer Strukturen“ sprechen. Im Klartext heißt das: Bei Vergewaltigungen, vor allem in der Familie und im engsten sozialen Umfeld des Täters, könnte der Täter die „Pille danach“ schon vorsorglich gekauft und mitgebracht haben, um sie dann dem Opfer zwangsweise zu verabreichen. Eine Vaterschaft, die ihn als Täter überführen könnte, würde er so verhindern - was er in der Vergangenheit nicht konnte.

Hersteller antwortet mit neuer Preisoffensive

Ist das zu weit und zu kompliziert gedacht? Alles nur Panikmache? Das meint man jedenfalls bei „pro familia“, wo man mit solchen Ängsten nichts anfangen kann. Man hält die Kommentare der Ärzte für völlig abwegig und interessegeleitet. Außerdem zeige die Erfahrung in anderen Ländern, in denen diese Medikamente schon länger rezeptfrei sind, dass solche Ängste unbegründet seien.

Die Bundesärztekammer fordert gemeinsam mit den Gynäkologen eine genaue Untersuchung der verschiedenen Entwicklungen in den nächsten fünf Jahren. Insbesondere solle beobachtet werden, ob die Zahl der Abtreibungen bei Teenagern steigt und inwieweit sich Nebenwirkungen und Beschwerden bei Mehrfachnutzung der „Pille danach“ einstellen, worüber es bislang keine gesicherten Erkenntnisse gibt. Noch hat die Politik auf die Forderung der Ärzte nicht reagiert.

Der große Gewinner der Rezeptfreigabe in Deutschland steht unterdessen längst fest: Die Firma HRA, die seit Jahren in intensiver Lobbyarbeit in Deutschland, aber auch in Straßburg und Brüssel auf die Freigabe hingearbeitet hat, macht aus ihren Geschäftsinteressen kein Geheimnis. Sie antwortet auf die Freigabe vielmehr mit einer neuen Preisoffensive und senkt den Preis für die „Pille danach“ von knapp 36 auf knapp 30 Euro. Die Preissenkung unter die Marke von 30 Euro soll helfen, die Marktführerschaft rasch auszubauen und auf lange Sicht das Monopol zu sichern. Gut möglich, dass sich „Ella“ auch als alltagssprachlicher Begriff durchsetzt und zum Synonym für die „Pille danach“ wird. Da es keine Konkurrenzprodukte anderer Firmen gibt, hat HRA noch viel Zeit, das Markenimage der „Ella“ zu festigen.

Weitere Themen

Nur einmal monatlich verhüten

Pille-Innovation : Nur einmal monatlich verhüten

Plastik mit Zukunft? Für die Verhütung könnte ein künstlicher Stern mit Hormonfüllung eine neue Zeit einläuten. Die Pille müsste dann nur einmal monatlich genommen werden – vorausgesetzt die Frauen schlucken das.

Topmeldungen

Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

Radwege zu eng? : Radfahrer verursachen immer mehr Unfälle

Mehr Fahrradfahrer, mehr Lastenräder und zu schlechte Radwege: Die Zahl der Unfälle auf zwei Rädern steigt stark, wie Unfallforscher melden. Auffällig: Besonders die Zahl der Kollisionen von Radfahrern untereinander nimmt zu.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.