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Gefährliche Impfmüdigkeit : Was die Impfmuffel aufs Spiel setzen

  • -Aktualisiert am

Wer aus Nachlässigkeit, Zeitmangel, Desinteresse und fahrlässiger Unaufgeklärtheit Impftermine verstreichen lässt, trägt Mitschuld an der gesundheitlichen Misere. Bild: dpa

Die eigene Entfaltung zählt für Impfgegner mehr als die Solidarität mit Schwächeren. Statt ständig um die persönliche Freiheit zu fürchten, sollten die Menschen lieber eine andere Frage an die Gesundheitspolitik stellen.

          In der Debatte über eine Zunahme von Maserninfektionen, eine sinkende Impfquote und den gerade von Gesundheitsminister Jens Spahn vorgelegten Gesetzesentwurf zur Masernimpfpflicht fällt immer wieder der Begriff Impfmüdigkeit. Die Deutschen seien „impfmüde“, heißt es dann gerne. Damit soll kurz und prägnant erklärt werden, was auch wissenschaftliche Untersuchungen nahelegen. Zur Wiederkehr fast ausgerottet geglaubter Erkrankungen tragen nicht nur überzeugte Impfgegner bei – die machen laut Befragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter den Eltern nur rund zwei Prozent aus. Die größere Schuld an dieser gesundheitlichen Misere tragen diejenigen, die aus Nachlässigkeit, Zeitmangel, Desinteresse und fahrlässiger Unaufgeklärtheit Impftermine und -aufforderungen verstreichen lassen.

          Ein solches Verhalten, eine solche Haltung kann sich nur leisten, wer, wie die Deutschen, in einem reichen Staat mit einem hohen Maß an gesundheitlicher Sicherheit und Versorgung lebt. Impfmüdigkeit ist Begleiterscheinung einer Gesellschaft, in der die eigene Entfaltung mehr zählt als Solidarität und Fürsorge für den Nächsten und den Schwächeren. Impfmüde kann nur werden, wer fälschlicherweise den Respekt vor tödlichen Infektionskrankheiten verloren hat und sich selbst für unverwundbar hält. Impfmüde zu sein bedeutet aber auch, Errungenschaften der modernen Medizin aufs Spiel zu setzen.

          Menschen aus Entwicklungsländern, die lange Wege auf sich nehmen, um ihre Kinder wenigstens gegen einige Krankheiten impfen zu lassen, um überhaupt medizinische Versorgung zu erhalten, und die jeden Tag erleben, wie andere an Infektionen mit Viren und Bakterien sterben, werden auf unsere erregte Debatte nur mit Kopfschütteln reagieren können. Die Deutschen aber haben sich daran gewöhnt, rund um die Uhr medizinisch auf höchstem Niveau versorgt zu werden, Medikamente kaufen zu können, wann immer sie diese brauchen, und von den neuesten technischen und wissenschaftlichen Fortschritten zu profitieren.

          Es müsste dringend gehandelt werden

          Dabei hat der Bürger völlig verlernt zu fragen, was er dazu beitragen kann (außer den Krankenkassenbeitrag zu zahlen), damit das so bleibt. Jeden Anstoß von außen, darüber nachzudenken, empfinden viele offenbar schon als Belästigung. Sei es eben die Aufforderung, sich impfen zu lassen und damit seinen Beitrag zum Kampf gegen Infektionskrankheiten zu leisten, oder sei es etwa beim Thema Organspende, der anderen aufgeregten Gesundheitsdebatte, wo es viele schon als Einschnitt in ihre Freiheit werten, dass sie aufgefordert sein werden, einmal im Leben darüber nachzudenken, ob sie nach ihrem Tod Organe spenden möchten oder nicht.

          Statt in einer überhitzen Debatte wieder und wieder von der Panik überrollt zu werden, dass die persönliche Freiheit zum Nutzen eines anderen oder der Gemeinschaft beschnitten werden könnte, sollte eine andere Frage an die Gesundheitspolitik gestellt werden: Warum ihr zurecht großes Engagement zum Schutz der Schwächeren, das sie sowohl in der Impf- wie der Organspendediskussion an den Tag legt, bei anderen gleichermaßen wichtigen gesundheitspolitischen Lenkungen vermissen lässt?

          Zunehmend werden – schon lange nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen – wirtschaftliche Kriterien in der ambulanten wie stationären Versorgung deutlich vor medizinische gestellt. Aufwändige technische Eingriffe werden gut und immer besser honoriert. Zuhören, trösten, beraten, pflegen hingegen ist weiterhin kaum angemessen abrechenbar. Finanzielle Vorgaben der Klinikleitung sowie wachsende Regularien zählen oft mehr als ärztliche Ansicht und Patientenwunsch. Das kann man jeden Tag in deutschen Krankenhäusern und Praxen erleben. Und die Politik trägt ihren Teil zu dieser Entwicklung bei.

          Besonders heftig von der fortschreitenden Ökonomisierung des Gesundheitssystem betroffen sind diejenigen, die ohnehin am Rande der Versorgung stehen: Kinder, Sterbende, Schwerkranke, Menschen mit seltenen Erkrankungen. Sie spüren am deutlichsten, wenn etwas anderes zählt als das Wohl des Leidenden. Doch sie sind meist zu schwach, um sich dafür einzusetzen, dass die Werte menschenzugewandter Gesundheitsversorgung nicht zugunsten eines Kosten-Nutzen-Denkens über Bord geworfen werden. Die Politik könnte es (gemeinsam mit der Selbstverwaltung). Es wäre sicher nicht leicht, die Gesundheitsversorgung wieder in eine andere Richtung zu lenken. Wenn der Schutz und der Wunsch der Schwächsten aber tatsächlich Maßstab für politische Entscheidungen sind, dann müsste dringend gehandelt werden.

          Eine sichere, solidarische Gesundheitsversorgung, die kranke, schwache Menschen im Fokus hat, ist kein Selbstläufer. Man darf nicht müde werden, sich für dieses hohe Gut einzusetzen. In Deutschland steht es im Moment an zahlreichen Stellen aber nicht zum Besten. Das Thema Impfung ist nur eines davon.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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