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Fahrverbot für Autos : Vorfahrt für Fußgänger in Madrid

Auf der Gran Vía, Madrids zentraler Prachtstraße, sind zwei der ehemals sechs Fahrspuren Teil des Gehwegs geworden. Bild: Getty

Weniger Abgase, weniger Lärm, dafür mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer: So lautet die Formel von „Madrid Central“. Die spanische Hauptstadt verbannt fast alle Autos aus der Innenstadt. Doch bei den Spediteuren regt sich Widerstand.

          Die beiden dicken roten Striche auf dem Asphalt sind nicht zu übersehen. Vorsichtshalber stehen Polizisten an den Zufahrtsstraßen in die Madrider Innenstadt bereit. Doch sie müssen nicht eingreifen, sondern plaudern nur entspannt mit Passanten. Seit diesem Wochenende gelten in der Stadtmitte drastische Verkehrseinschränkungen. Die Gegner von „Madrid Central“, dem neuen Verkehrskonzept der linksalternativen Kommunalkoalition, hatten ein Chaos prophezeit. Stattdessen rieb man sich bei der Verkehrsüberwachung verwundert die Augen. „Es scheint, als seien die Autos verschwunden“, hieß es bei der Verkehrsbehörde. Am Freitag waren zeitweise ein Drittel weniger Fahrzeuge im Zentrum unterwegs. Die Bürger hätten Verantwortungsgefühl bewiesen, schwärmt Bürgermeisterin Manuela Carmena; im Rathaus ist von einem „historischen“ Ereignis die Rede.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Weniger Abgase, weniger Lärm, dafür mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer: So lautet die Formel von „Madrid Central“. Mit dieser Reform will sich die Koalition von Bürgermeisterin Carmena für die Kommunalwahlen im nächsten Mai bei den Wählern empfehlen. Vor allem will man den Stickstoffdioxid-Ausstoß im knapp 472 Hektar großen Innenstadtgebiet, dem Herzen Madrids, um 40 Prozent senken. Ein blühendes Herz war auch das Symbol der Werbekampagne der Stadtverwaltung vor der Einführung der Einschränkungen, die bei vielen zunächst auf große Skepsis stießen. Denn sie bedeuten, dass die meisten bald nicht mehr bequem mit dem Auto bis an die Plaza de España oder die Puerta del Sol fahren können.

          Die Zone, mit doppelten Strichen und Schildern markiert, ist künftig nur noch Anwohnern, Lieferanten und Taxis vorbehalten, die über eine Umweltplakette verfügen. Für Fahrzeuge ohne Umweltplakette mit Benzin-Motoren, die vor dem Jahr 2000, und mit Diesel-Antrieb, die vor 2006 zugelassen wurden, herrscht absolutes Fahrverbot. Anwohner und Spediteure haben fünf Jahre lang Zeit, um neue Fahrzeuge anzuschaffen, die den strengen Abgasvorschriften entsprechen. Der Durchgangsverkehr durch die Stadtmitte ist komplett verboten. Nur die Anwohner dürfen noch auf den Straßen parken. Alle anderen Fahrzeuge müssen Parkhäuser aufsuchen. Polizisten und Kameras überwachen die Zufahrten. Vorerst informieren und verwarnen die Beamten nur; im neuen Jahr ist dann eine Strafe von 90Euro fällig.

          Das Zentrum werde sich bald in ein Getto verwandeln

          Am größten ist der Widerstand der Spediteure, obwohl es für sie längere Übergangsfristen gibt. Das Zentrum werde sich bald in ein Getto verwandeln, warnt der spanische Verband der Transportunternehmer: Wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise könnten sich viele keine neuen, umweltschonendere Fahrzeuge anschaffen. Nur wenige haben bisher ein Umweltetikett.

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          Das bedeutet, dass die meisten nur von sieben bis 13 Uhr ins Zentrum fahren dürfen und dort innerhalb weniger Stunden ihre Aufträge erledigen müssen. Bisher wurden die großen Modeketten nachts beliefert, die Zeitungen kamen von vier Uhr morgens an. Kommerzielle Busunternehmer klagen, dass sie ihre Fahrgäste nicht mehr vor ihren Hotels und Restaurant absetzen können.

          In Madrid legt sich oft eine braune Smogschicht über die Stadt

          Der Stadtverwaltung von Madrid blieb jedoch nichts anderes übrig, als etwas zu unternehmen. Zu Jahresbeginn hatte die EU-Kommission Spanien und andere Länder ein weiteres Mal verwarnt: Sie hätten es versäumt, die wiederholte Überschreitung der Grenzwerte für die Luftverschmutzung durch Stickstoffdioxid zu stoppen. Laut einer Studie der Europäischen Umweltagentur waren in Spanien im Jahr 2013 fast 30 000 vorzeitige Todesfälle auf schlechte Luftqualität zurückzuführen; neben der Hauptstadt ist besonders Barcelona betroffen.

          In Madrid legt sich oft tagelang eine braune Smogschicht über die Stadt. Ende 2016 wurden erstmals Fahrverbote verhängt. Wegen massiver Luftverschmutzung durften nur die Fahrzeuge mit ungeraden Zahlen auf den Nummernschildern in die Stadtmitte fahren. Bis zum Jahr 2030 soll es in Madrid nur noch halb so viel Emissionen geben wie 2012. In ganz Madrid gelten daher schon strengere Vorschriften.

          Auf einspurigen Straßen beträgt zum Beispiel die Höchstgeschwindigkeit nur noch 30 Kilometer pro Stunde – auch auf der weihnachtlich geschmückten Gran Vía im Zentrum. Bis vor wenigen Monaten erstickte die sechsspurige Prachtstraße im Verkehr. Seit einer Woche haben flanierende Fußgänger auf dem Boulevard mit neuen Bänken und Bäumen Vorfahrt. Zwei Fahrspuren wurden in Bürgersteige verwandelt. Die privaten Fahrzeuge müssen sich in jeder Richtung mit einer Spur begnügen; die zweite ist für Busse und Taxen reserviert. Auch für Radfahrer wurde Platz geschaffen.

           

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