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Infektionsrisiko bei Kindern : Der Konflikt mit dem Pieks

Mit den offenen Fragen zur Impfung geht der Professor pragmatisch um: „Wenn sich herausstellt, dass der Impfstoff tatsächlich nur zwei Jahre wirkt, dann muss man den Kindern eben eine Auffrischimpfung geben.“ Auch die Diskussion um die Nebenwirkungen sieht er gelassen. Ein paar Tage Fieber nach der Impfung stünden in keinem Verhältnis zu der Schwere der Erkrankung, vor der die Impfung schütze. Und auch das Risiko für ernste, unentdeckte Nebenwirkungen schätzt er als gering ein. Es sei abzuwägen gegen die Wahrscheinlichkeit, mit der das Kind an Meningokokken-B-Bakterien erkranke. Aber Pädiater Heininger hat auch Verständnis für seine deutschen Kollegen: „Es ist für sie ein Konflikt. Sie sind verpflichtet, über alle verfügbaren Impfungen aufzuklären, auch wenn sie nicht durch die Stiko empfohlen wurden, und am Ende bleibt das Gefühl: Es gibt einen gut wirksamen, zugelassenen Impfstoff, der offiziell nicht empfohlen wird. Das ist eine Kluft!“

Und auch der Konflikt, in dem die Stiko steckt, ist Heininger bewusst. Eine individuelle Impfberatung für Eltern ist etwas anderes, als eine nationale Impfempfehlung auszusprechen. „Diese muss Kritik standhalten. Sie lässt das einzelne Schicksal außer Acht und schiebt das öffentliche Interesse in den Mittelpunkt. Außerdem muss am Ende ein günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis entstehen.“

Auch Professor Rüdiger von Kries spricht am Telefon von einem ethischen Dilemma, in dem die Stiko sich in Bezug auf die Meningokokken-B-Impfung befinde. Von Kries ist Mitglied der Stiko und Leiter der Abteilung Epidemiologie am Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Als Stiko möchte man der Bevölkerung Segensreiches nicht vorenthalten, aber man will ihr auch nichts zumuten, bei dem man sich über den Nutzen für die Allgemeinheit nicht ganz sicher ist.“

Ernsthaftere Komplikationen sind sehr selten

Dann redet er vom Benefit für alle, von Evidenzen, fehlenden Daten, von der Frage, wie hoch die Kosten sein dürften, damit der Nutzen noch gerechtfertigt sei. „Bei sehr niedrigen Krankheitszahlen geht es außerdem um die ethische Frage: Wie viele Kinder durch die Impfung gerettet werden müssen, damit eine allgemeine Empfehlung gerechtfertigt ist – eine Impfung ist schließlich weder für Eltern noch Kind ein Vergnügen.“ Immer könne es zu Nebenwirkungen wie Schwellungen und zu Schmerzen an der Einstichstelle oder zu Fieber kommen. Ernsthaftere Komplikationen seien hingegen sehr selten.

Eine besonders große Rolle für die Stiko spielt bei der Entscheidung auch die Tatsache, dass der Impfstoff – Stand heute – nur den Geimpften schützt, aber nicht alle anderen. Eine nachgewiesene Herdenimmunität wäre einer offiziellen Empfehlung sicherlich dienlich.

Viel Hoffnung setzen Wissenschaftler wie Kries deshalb in Daten aus England. In England ist die Erkrankungsrate an Meningokokken deutlich höher als in Deutschland, deshalb werden dort seit einigen Jahren alle Säuglinge geimpft. „Wir hoffen, dass diese Daten, die voraussichtlich in den kommenden zwei, drei Jahren veröffentlicht werden, einige unserer offenen Fragen beantworten werden“, sagt von Kries. Bis dahin halte die Stiko aber an ihrer Aussage fest, aufgrund der Evidenzlage und einer niedrigen Meningokokken-B-Krankheitslast in Deutschland keine allgemeine Empfehlung auszusprechen, diese Entscheidung aber im Fall weiterer Daten neu zu bewerten. Dann fügt von Kries noch an: „Aber nur, weil die Stiko es nicht empfehlt, handelt es sich für den Einzelnen ja um keinen schlechten Impfstoff. Nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung kann mit jedem in Deutschland zugelassenen Impfstoff geimpft werden. Bei der Entscheidung, ob alle geimpft werden sollten, müssen wir nur auch andere Dinge im Blick haben.“

Das Pharmaunternehmen Glaxosmithkline gibt auf Nachfrage übrigens bekannt, dass vom Meningokokken-B-Impfstoff Bexsero seit Markteinführung über 800 000 Dosen nach Deutschland ausgeliefert wurden. Weltweit belaufe sich die Zahl auf über 15 Millionen.

Wie viele es im kommenden Jahr werden, liegt am Ende wohl auch an den Eltern. Da sind sich alle Experten dann doch einig, und es heißt ziemlich einhellig: Wir können beraten und aufklären, aber ob und wie man sein Kind schützen will und welche Risiken mehr Relevanz für den Einzelnen haben, das können nur die Eltern selbst entscheiden.

Eine Aussage, die ohne Zweifel richtig ist, manche Väter und Mütter aber auch in einen Konflikt bringen kann.

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