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Infektionsrisiko bei Kindern : Der Konflikt mit dem Pieks

„Als wir Kinder- und Jugendärzte vor Jahren davon gehört haben, dass es nun eine Impfung gegen Meningokokken B geben soll, waren alle ganz euphorisch“, sagt Barbara Mühlfeld, Pädiaterin aus Bad Homburg bei Frankfurt. „Jeder Kinder- und Jugendarzt hat in seiner Ausbildung auf Intensivstationen gearbeitet und schwerkranke Kinder mit einer Meningokokkeninfektion gesehen, da freut man sich, wenn das in Zukunft zu verhindern ist.“ Außerdem lebe man als Arzt immer mit der Angst, eine solche schwer verlaufende Infektion, die meist mit unspezifischen Symptomen wie Fieber, Unruhe und Übelkeit beginnt, einmal zu übersehen. Denn das Tückische an diesen Erkrankungen ist, dass sie sich rapide verschlimmern, also innerhalb weniger Stunden. Je früher mit einer Behandlung durch ein Antibiotikum begonnen wird, umso größer sind die Heilungschancen. Doch als der Impfstoff 2013 dann tatsächlich da war, „war die Euphorie doch etwas gedämpft, und das ist bis heute so“, sagt Mühlfeld.

Was sie damit andeutet: Der Meningokokken-B-Impfstoff ist ein relativ neuer Impfstoff, etwa im Vergleich zum Masern-Impfstoff. In der Studienphase vor seiner Zulassung hat er zwar seine Wirksamkeit und Verträglichkeit gezeigt, aber trotzdem gibt es noch offene Fragen:

1. Es ist nicht klar, wie lange der Impfstoff dem Geimpften tatsächlich Schutz bietet. Ausgegangen wird im Moment von nur rund zwei Jahren.

2. Es fehlt an Erfahrung mit eventuellen Nebenwirkungen, die sich erst nach längerer Zeit zeigen können.

3. Es ist noch nicht bewiesen, ob der Impfstoff im Sinne der Herdenimmunität nicht nur die Geimpften, sondern auch die Ungeimpften schützt. Damit würde man auch seine Übertragbarkeit bremsen.

4. Die momentane Meningokokken-B- Impfung bietet vermutlich nur einen Teilschutz, bewahrt den Geimpften damit aber nicht vor allen Bakterien dieser Gattung.

In Hessen fehlt die Empfehlung

„Durch diese Situation stellt sich für uns Kinder- und Jugendärzte in der Beratung der Eltern eine ganz andere Situation dar, als wenn wir den uneingeschränkten Empfehlungen der Stiko folgen könnten. Auch aus rechtlicher Sicht“, sagt Mühlfeld. Mit rechtlich meint sie: Ist eine Impfung nicht öffentlich empfohlen und es kommt (theoretisch) zu einem Impfschaden, hat der Betroffene keinen Anspruch auf Entschädigung. Auch das ist bei der Meningokokken-B-Impfung in Deutschland von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Sachsen und Bayern etwa ist diese Impfung von den Gesundheitsbehörden öffentlich empfohlen, damit besteht ein Recht auf Entschädigung. In Hessen etwa fehlt die Empfehlung.

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Professor Ulrich Heininger kennt all diese offenen Fragen und Diskussionen um die Meningokokken-B-Impfung. Der leitende Arzt der pädiatrischen Infektiologie und Vakzinologie am Universitäts-Kinderspital in Basel hat sich seine positive Einstellung zu dieser Impfung aber deshalb nicht nehmen lassen. „Erst einmal haben wir hier einen guten Impfstoff, der Todesfälle bei Kindern verhindern kann, weshalb ich ihn allen Eltern empfehlen würde, die ihr Kind davor schützen möchten.“ In seiner Heimat, der Schweiz, die nicht Mitglied der EU ist, ist der Impfstoff noch gar nicht auf dem Markt. Heininger kennt aber zahlreiche Eltern, die sich ein Privatrezept ausstellen lassen, um den Impfstoff für ihre Kinder in Deutschland zu holen.

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