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„Sweat Gate“ von Prinz Andrew : „Das kann man nicht einfach auf Hormone runterschrauben“

  • -Aktualisiert am

In einem Interview mit der BBC sagte Prinz Andrew, er habe nach einer Schussverletzung über lange Zeit nicht mehr schwitzen können – doch daran gibt es Zweifel. Bild: AFP

Er habe seit einer Verletzung im Falklandkrieg lange Zeit nicht schwitzen können, sagte Prinz Andrew in seinem umstrittenen Interview zum Epstein-Fall. Ein Endokrinologe erklärt, warum er diese Behauptung für unmöglich hält.

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          Herr Schatz, ein BBC-Interview mit Prinz Andrew hat weitreichende Folgen: Der Sohn der Queen ist „auf absehbare Zeit“ von all seinen öffentlichen Aufgaben zurückgetreten. In dem Interview hatte er der Zeugin Virginia Roberts Giuffre im Fall Epstein widersprochen. Sie hatte in ihrer Schilderung über den angeblichen Missbrauch durch Prinz Andrew auch erwähnt, dass der beim Tanzen stark geschwitzt habe. Prinz Andrew behauptete, er habe zum fraglichen Zeitpunkt nicht schwitzen können, weil eine Schussverletzung zu viel Adrenalin bei ihm freigesetzt hätte und er infolgedessen nicht mehr schwitzen konnte. Kann das sein?

          Ich halte es für nicht möglich, dass man einmalig viel Adrenalin ausstößt und aufgrund dessen anschließend nicht mehr fähig ist zu schwitzen. So etwas ist mir nie begegnet. Auch unser Bochumer Dermatologe, den ich befragte,  hat dies in den drei Jahrzehnten seiner Tätigkeit nie gesehen. Von der Hormonseite her ist es nicht möglich.

          Wie hängt das Schwitzen mit unseren Hormonen zusammen?

          Das Schwitzen wird vom vegetativen Nervensystem geregelt. Die sympathischen Nervenfasern regen normalerweise die Organe an und die parasympathischen blockieren sie. An den Schweißdrüsen ist der Überträgermechanismus an den Kontaktstellen, den sogenannten Synapsen  interessanter Weise umgekehrt wie an den übrigen Organen. Normalerweise werden die sympathischen Reflexe  durch Adrenalin übertragen und die parasympathischen durch Acetylcholin. Aber an den Schweißdrüsen werden die Signale, die von den sympathischen Nerven kommen, nicht durch Adrenalin, sondern durch Acetylcholin übertragen. Das ist eine Besonderheit, die zeigt: Wie Schweißdrüsen angeregt werden, ist ein sehr komplexer Mechanismus.

          Welche Faktoren beeinflussen denn unser Schwitzen?

          Das sind die verschiedensten Dinge. Das kann Alkohol sein, Störungen an der Schilddrüse oder bei Frauen auch die Wechseljahre. Das kann man nicht einfach auf Hormone runterschrauben – wie Prinz Andrew es getan hat.

          Eine Schussverletzung, bei der viel Adrenalin ausgestoßen wird, würden Sie also explizit nicht als Einflussfaktor nennen?

          Dass eine Schussverletzung, wie Prinz Andrew sie im Falklandkrieg in den achtziger Jahren als Pilot erlitten hat, durch zu viel Adrenalin dazu führt, dass er über Jahrzehnte nicht mehr oder kaum geschwitzt hat, kann ich mir nicht vorstellen. Sie können bei Unfällen wie zum Beispiel bei einem Schleudertrauma natürlich akut verstärkt schwitzen, nach dem Schock sollte der Schweiß aber wieder normal geregelt sein. Dass ein vermehrter Ausstoß von Adrenalin das Schwitzen über drei Jahrzehnte aussetzt, erscheint mir völlig unmöglich.

          Gibt es eine Krankheit, die die Unfähigkeit zum Schwitzen beschreibt?

          Jein. Zwar gibt es den Begriff „Anhidrose“, „an“ steht im Lateinischen für „nicht“ und „hidrose“ für „Schwitzen“, das ist aber eine reine Beschreibung für das Symptom und keine eigentliche Krankheit als solche. Dass jemand so etwas angeboren hat oder krankhaft erwirbt, ist mir jedoch völlig unbekannt. Auch unser Bochumer Dermatologe hat eine „Anhidrose“ nie gesehen.

          Prinz Andrew sagt in dem Interview: „Es ist mir überhaupt nur möglich wieder zu schwitzen, weil ich eine Anzahl an Dingen dafür unternommen habe.“ Was könnten das für Maßnahmen sein?

          Theoretisch  wäre symptomatisch eine Hitzetherapie möglich. Oder man könnte auch Dopamin, Dopaminagonisten oder andere Substanzen versuchen, die ähnlich wie der Sympathikus wirken  und an den Schweißdrüsen ansetzen. Das sind aber nur Spekulationen, ich habe darüber keine speziellen Kenntnisse und auch keine eigene Erfahrung.

          Woran könnte das liegen, dass man nach Jahrzehnten auf einmal wieder schwitzen kann?

          Das ist besonders absurd an der Geschichte,  dass das Schwitzen nun wieder zurück gekommen sei. Das Ausbleiben von Schweiß hätte mit einer permanenten, einer bleibenden Beschädigung sämtlicher sympathischer Nervenfasern erklärt werden können – was schlecht vorstellbar ist, denn dann hätte er viel weitreichendere Schäden als nur den Verlust des Schwitzens davon getragen. Dass er nun wieder schwitzen kann, zeigt, dass die Nervenbahnen nicht dauerhaft geschädigt worden sein können.

          Helmut Schatz, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie, ist emeritierter Professor für Innere Medizin an der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

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