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Wartezeiten beim Arzt : Sitzen geblieben

Dass Privatversicherte beim Hausarzt viel früher drankommen, widerlegt eine Studie. Bild: INTERFOTO

Überfüllte Praxen und lange Wartezeiten ärgern Patienten wie Ärzte. Dabei lässt sich dagegen etwas machen - mit dem richtigen Praxismanagement und mit Patienten, die mitdenken.

          7 Min.

          Es ist Montagmorgen kurz vor acht Uhr, als Berit Rasche in ihrem Sprechzimmer am Computer die Liste mit wartenden Patienten aufruft. Der erste, sieht sie, hat bereits um 7.29 Uhr bei Schwester Kathrin am Empfang eingecheckt, seitdem kamen im Drei-Minuten-Takt neue Patienten hinzu, obwohl die Sprechstunde erst um acht beginnt. Da warten dann schon zehn Leute. „Bevor ich montags überhaupt angefangen habe, bin ich meist schon im Hintertreffen“, sagt die 38-Jährige, die eine Landarzt-Praxis in Stolpen betreibt, einer Kleinstadt in Ostsachsen mit knapp 6000 Einwohnern.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Wobei es an diesem Morgen zügig vorangeht. Es ist Erkältungszeit, die meisten Wartenden husten, krächzen und schniefen. Grippe und ähnliche Infekte sind schnell diagnostiziert, die Ärztin schaut ihrem ersten Patienten in den Hals und hört die Lunge ab, dann ist die Sache klar. „Viel schlafen, trinken, heiße Zitrone“, lautet ihr Rat, dann füllt sie noch eine Arbeitsbefreiung aus, und nach gut fünf Minuten ist der Mann verarztet. Der Erste auf der Warteliste war er allerdings nicht, der ist erst um 8.15 Uhr dran, nachdem Rasche die dringendsten Fälle abgearbeitet hat.

          “Besonders montags ist es eine Arbeit gegen die Uhr“, sagt die Ärztin. Viele Leute kämen mit Beschwerden, die gar nicht so akut seien, weil etwa das Bein seit Wochen schmerzt, ein alter Insektenstich nicht heilen will oder sie schon länger ein komisches Gefühl in der Magengegend spürten. Wenn die Bedenken dann am Wochenende plötzlich überhandnehmen und die Sorge wächst, ernsthaft krank zu sein, ist für viele klar: Am Montagmorgen sofort zum Hausarzt. Gut die Hälfte von Rasches Patienten taucht ohne Termin bei ihr auf.

          Kein Wunder also, dass in Umfragen zur Wartezeit in Arztpraxen Hausärzte stets zu den Verlierern zählen. Fachärzte behandeln in der Regel nur Patienten mit Termin, was Wartezeiten nicht ausschließt, aber zumindest überschaubar macht. Auch Berit Rasche bittet ihre Patienten, vor jedem Besuch einen Termin zu vereinbaren, den es bei ihr immerhin binnen drei bis vier Tagen gibt. An Montagen jedoch behandelt sie seit kurzem nur noch Unangemeldete, um überhaupt irgendwie hinterherzukommen.

          Bis kurz vor 9 Uhr füllt sich das Wartezimmer weiter, die Patientenliste im Computer ist jetzt fast komplett rot: In der Farbe leuchten die Namen aller, die länger als eine halbe Stunde da sind. Nur wenige Zeilen sind noch weiß für die frisch Eingetroffenen oder gelb für jene, die seit einer Viertelstunde im Wartezimmer sitzen. Doch nach den Farben richtet sich die Ärztin an diesem Tag selten. Der Nächste ist bei ihr immer der, der ganz oben auf der Liste steht. „Wer richtig krank ist, kommt auch zeitig dran. Solche Leute setzt mir die Schwester sofort ganz nach vorn.“ Darunter sind auch kleine Kinder und Krebskranke, die mitten in der Therapie sind.

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