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Warstein : Die Legionellen kommen auch aus der Kläranlage

Warstein: In der kommunalen Kläranlage wurde eine erhöhte Legionellen-Konzentration nachgewiesen Bild: dpa

Die Quelle des Krankheitserregers, der im Sauerland bereits 155 Menschen infiziert hat, wurde gefunden: Ein Rückkühlwerk. Doch auch in der Kläranlage konnte eine erhöhte Konzentration festgestellt werden.

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          Landrätin Eva Irrgang und die acht sie begleitenden Männer haben ziemlich ernste Mienen, als sie am Mittwochmittag den Sitzungssaal des Kreishauses in Soest betreten. Dabei kann die Landrätin die Pressekonferenz dann mit einer guten Nachricht beginnen: Die Quelle für den Legionellen-Ausbruch im sauerländischen Warstein ist gefunden. Das „nationale Referenzlabor Legionellen“ der Technischen Universität Dresden hat nach aufwendigen Untersuchungen des „Cocktails“ aus insgesamt 19 Legionellen-Arten eindeutig nachweisen können, dass die Krankheitserreger von Erkrankten mit den Legionellen identisch sind, die Fachleute in einem sogenannten Rückkühlwerk eines Warsteiner Unternehmens ausgemacht haben.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Derzeit spricht viel dafür, dass die Kühlanlage die Erreger verbreitet hat. Seit dem 10. August haben sich in Warstein 155 Personen im Alter zwischen 17 und 93 Jahren infiziert. Zwei Männer starben. Martin Exner, der Leiter des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn, den die Behörden im Fall Warstein zu Rate gezogen haben, bezeichnet den Legionellen-Ausbruch im Sauerland als „einen der größten in Deutschland, möglicherweise auch in Europa“.

          „Entwarnung können wir trotzdem nicht geben“

          Legionellen können die Lunge befallen. Erkrankte leiden zunächst an Husten, Durchfall und Fieber. Häufig kommt es später zu einer schweren Lungenentzündung. Als ausgesprochen gutes Zeichen wertet Ansgar Brockmann vom Gesundheitsamt des Kreises Soest den Umstand, dass die Zahl der Neuerkrankungen in den vergangenen Tagen rückläufig war. Am Montag und Dienstag registrierte das Amt noch jeweils zwei neue Fälle, am Mittwoch nur noch einen. Brockmann sieht darin ein Indiz, dass die Hauptquelle beseitigt ist: Seit dem 21.August schon ist die Rückkühlanlage nicht mehr in Betrieb. „Aber Entwarnung können wir trotzdem nicht geben“, sagt Landrätin Irrgang.

          Die Reisewarnung für Warstein bleibt einstweilen bestehen. Den 27.000 Warsteinern wird weiter empfohlen, sich nicht im Freien aufzuhalten. Denn es gibt auch eine ausgesprochen schlechte Nachricht. Bei der Ursachenforschung fanden die Fachleute heraus, dass die Kühlanlage des Warsteiner Unternehmens den Fluss Wäster nutzt, in den zuvor die kommunale Kläranlage Wasser einleitet. Und in Proben aus dem sogenannten Belebungsbecken der Kläranlage konnte das „nationale Referenzlabor Legionellen“ der TU Dresden ebenfalls eine erhöhte Legionellen-Konzentration nachweisen.

          Es muss nun deshalb überprüft werden, ob die Kläranlage der eigentliche Verbreiter der Legionellen ist. „Es gilt, die Ursache-Wirkungs-Kette genau zu untersuchten“, sagt Bernd Müller von der Bezirksregierung Arnsberg. Klaus Kruse vom Ruhrverband, der die 50 Jahre alte Warsteiner Kläranlage betreibt, sagt, der Fall habe auch die Fachleute überrascht und erschreckt. Exner betätigt das. Es handele sich um einen bisher einmaligen Fall. „Kommunale Kläranlagen sind bisher nicht als eigenständige Infektionsquellen bekannt“, sagt der Mediziner. Als Quellen für einen Legionellen-Ausbruch gelten bislang Anlagen, in denen ein feiner Wassernebel entsteht: Duschen, Klimaanlagen, Whirlpools oder eben Rückkühlvorrichtungen wie jene der Warsteiner Firma.

          Exner ist sich sicher, dass die Legionellen-Erkenntnisse aus dem Sauerland, die frühestens am Freitag vollständig vorliegen sollen, „erhebliche Auswirkungen auch für andere Regionen haben werden. Es geht um erhebliche Konsequenzen für viele Kläranlagen.“ Denn überall in Deutschland gibt es Kläranlagen vom Typ der Warsteiner Anlage. Das nordrhein-westfälische Umweltministerium hat mittlerweile eine Überprüfung aller baugleichen Kläranlagen angeordnet. Zudem ist es einstweilen untersagt, aus der Wäster Wasser zu entnehmen.

          Strengere Vorschriften seien vonnöten

          Klaus Kruse sagt, der Ruhrverband habe alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um auszuschließen, dass die Erreger von der Kläranlage selbst verbreitet werden können. Demnach hat der Ruhrverband unter anderem den Oberflächenbelüfter auf die niedrigste Stufe eingestellt. Bei dem Belüfter handelt es sich um eine Art Quirl, der im Belebungsbecken rührt. Zudem hat der Ruhrverband einen sogenannten Tropfkörper außer Betrieb genommen, in dem ebenfalls Aerosole entstehen können. Die Abwässer in der Warsteiner Kläranlage sollen künftig mit UV-Licht desinfiziert werden.

          Infektionsfachmann Exner glaubt, dass aus dem Fall Warstein nicht nur beim Betrieb von Kläranlagen Konsequenzen gezogen werden müssen. Der Bonner Mediziner ist auch davon überzeugt, dass der Legionellen-Ausbruch abermals deutlich macht, dass es in Deutschland strengere Vorschriften für den Betrieb von Verdunstungskühlanlagen geben muss. Wie in anderen EU-Ländern sei eine Registrierungspflicht notwendig: „Auf jede dieser Anlagen gehört ein Hinweis ähnlich dem auf Zigarettenschachteln: ,Achtung - bei fehlender Wartung besteht Lebensgefahr für Personal und Bevölkerung.‘“

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