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Heilendes Grün : Eine Dosis Wald

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Sie glaubt, dass der langsame Ausflug in den Wald uns gerade deswegen guttue, weil er so schön ziellos sei und die Erholungssuchenden nicht schon wieder mit dem Abarbeiten irgendeines Trainingsplans beschäftigt seien. „Waldbaden ist zum Beispiel auch für Menschen ein tolles Angebot, die gar keinen Sport mehr treiben können“, sagt sie.

Tatsächlich war das klassische Shinrin Yoku in Japan sehr meditativ, mehr als vielleicht ein bisschen Qigong gab es für die Gehetzten nicht zu tun. Mittlerweile sind viele der Angebote dort aber ausgebaut worden. Oft gehen die Japaner jetzt nicht nur mit Waldtherapeuten los, sondern mit Sägen und Baumfällern und schlagen kleine Lücken in die Zypressen-Reihen. Waldarbeiten statt Waldbaden also.

Spaziergänger gehen im Dezember 2017 in Dresden auf einem Waldweg entlang:  Der Wald senkt laut simpler Vorher-Nachher-Messung den Spiegel des Stresshormons Cortisol im Blut, erhöht die Anzahl der sogenannten Killerzellen, stärkt also das Immunsystem und senkt Blutdruck und Puls.

Arnulf Hartl leitet das Institut für Ökomedizin an der Paracelcus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg und wundert sich nicht, dass das dann guttut. „In den Wald gehen und dort nur sitzen, ist nett – aber es wird nicht die gleiche Wirksamkeit haben wie im Wald zu joggen oder bergauf zu gehen“, sagt er. Hartl hat erforscht, das es dem Immunsystem von Menschen deutlich besser tut, wenn sie eine Woche lang jeden Tag im Nationalpark Hohe Tauern in Österreich wandern, als wenn sie im gleichen Zeitraum drinnen auf einem Laufband joggen. „Noch bessere Immunwerte haben die Probanden erzielt, die wir zusätzlich zum Wandern täglich in den Sprühbereich eines Wasserfalls gestellt haben“ sagt er.

Grünes hilft uns Menschen

Hartls Studie ist eine der wenigen, die in europäischen Wäldern entstanden sind – und eine der wenigen überhaupt nach den höchsten Standards der evidenzbasierten Medizin. Auch diese Untersuchung ist mit weniger als 100 Probanden recht klein, und auch Hartl wünscht sich, dass mehr zu dem Thema geforscht wird. Er ist aber skeptisch gegenüber den japanischen Studien. „Die sind in küstennahen Urwäldern entstanden – etwas, das es in Europa gar nicht gibt.“ Tatsächlich sondern bestimmte Zypressen, wie es sie in japanischen Wäldern gibt, wohl besonders viel von den wertvollen Geruchsstoffen ab, die so dringend in Verdacht stehen, der menschlichen Gesundheit Gutes zu tun.

Bei aller Skepsis ist aber auch Hartl überzeugt, dass Grünes uns Menschen hilft, und zitiert dazu eine berühmte Studie. Die hat schon 1984 gezeigt, dass sich Patienten in einem vorstädtischen Krankenhaus im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania nach einer Operation deutlich schneller erholen, dass sie zum Beispiel weniger Schmerzmittel brauchen, wenn sie vor ihrem Krankenzimmer einen Baum angucken, als wenn dort nur eine Backsteinwand steht. Und Menschen, die in europäischen Großstädten näher an Parks wohnen, haben mehreren Studien aus den Niederlanden zufolge gesundheitliche Vorteile gegenüber denen, die weiter weg wohnen – wovon insbesondere die profitieren, die oft zu Hause sind, also Kinder, alte Menschen und Arbeitslose.

Die psycho-evolutionäre Theorie dazu, wonach uns das Grün des Waldes als aufsuchenswerter Schutz- und Lebensraum sozusagen eingeimpft ist, gilt der Wissenschaft weitgehend als plausibel. Der Salzburger Forscher Hartl findet aber, dass man daraus viel grundlegendere Konsequenzen ziehen sollte, als nur ab und zu mal in den Wald zu gehen. So müsste es seiner Ansicht nach viel mehr leicht erreichbare Grünflächen in den Städten geben. „Gesundheitstouristisch, mit Angeboten wie Waldbaden, wird man immer nur eine kleine Elite erreichen.“

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