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Heilendes Grün : Eine Dosis Wald

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Die allgemeine Wichtigkeit des Waldes wurde auch schon oft gemessen, besonders beeindruckend von Forschern des seinerzeit in Not geratenen amerikanischen Landwirtschaftsministeriums: Zwischen 1990 und 2007 hatte der Asiatische Eschenprachtkäfer in einigen amerikanischen Bundesstaaten etwa 100 Millionen Bäume dahingerafft. In den Gebieten, in denen das passiert ist, sind im Vergleich deutlich mehr Menschen an Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen gestorben.

Dass das eine was mit dem anderen zu tun hat, ist freilich nicht bewiesen. Aber es ist eine naheliegende Annahme, die auf einem alten Gefühl fußt: Natur ist gut. Adolf Just, ein deutscher Naturheilkundler, hat sein irgendwie neuzeitiges Werk „Kehrt zur Natur zurück!“ schon 1896 veröffentlicht und mitten in der Blütezeit der prunkvollen, oft eher städtischen Kurorte die waldnahe Kuranstalt Jungborn im Harz gegründet.

Nebelschwaden ziehen im November 2017 über den herbstlichen Thüringer Wald bei Sonneberg: Die Deutschen haben nicht irgendein Verhältnis zu ihrem Wald, es ist schon ein ganz bestimmtes.

Heute heißt so etwas also Waldbaden. Erfunden haben das die chronisch überarbeiteten Japaner. Shinrin Yoku heißt ihr Begriff dafür, das bedeutet wörtlich soviel wie in Waldluft und -licht baden. Japanische Mediziner haben in unzähligen Studien untersucht, was ein Aufenthalt im Wald, oft nur einer von mittagspausentauglichen 15 Minuten, mit den Menschen macht. Die Ergebnisse der meist kleinen Studien: Der Wald senkt laut simpler Vorher-Nachher-Messung den Spiegel des Stresshormons Cortisol im Blut, erhöht die Anzahl der sogenannten Killerzellen, stärkt also das Immunsystem und senkt Blutdruck und Puls. Schon 1982 hat Japan Shinrin Yoku zum Teil seines nationalen Gesundheitsprogramms gemacht.

Phytonzide stärken das Immunsystem

Ein Modell, das nun auch in Deutschland ankommt? An der Ludwig-Maximilians-Universität in München beschäftigen sich Gisela Immich und Angela Schuh damit. „Es gibt Hinweise darauf, dass der Wald positiv auf die Gesundheit wirkt“, sagt Schuh, die Professorin ist am Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung. Gut nachgewiesen seien vor allem Stressreduktion und eine positive Auswirkung auf den Schlaf. „Aber wir sind noch ganz am Beginn der universitären Forschung.“

So ist es Immich und Schuh zufolge zwar plausibel, dass der Wald eine positive Wirkung auf das Immunsystem habe. Grund dafür sind, da ist sich die Wissenschaft insgesamt recht einig, die sogenannten Phytonzide. Das ist, kurz gesagt, alles das, was im Wald gut riecht.

Absonderung von Nadelbäumen wirken wie Antibiotika

Diese Absonderungen sind bei Nadelbäumen besonders stark, und es wird angenommen, dass sie eine ähnliche Wirkung haben wie Antibiotika. Sie sollen die Pflanzen zum Beispiel vor Insekten schützen.

Wildschweine in einem Waldgebiet im Stadtbezirk Tegel in Berlin: Zu Hunderttausenden kaufen die Deutschen dem Baum-Romantiker Peter Wohlleben sein Wald-Erklärbuch ab, fürchten sich aber noch als Erwachsene, wenn es im Dunkel des Nadelgehölzes verdächtig knackt.

Bislang allerdings noch kaum untersucht sind den Münchner Forscherinnen zufolge dagegen die sonstigen physiologischen Wirkungen des Waldes, sein vermutet positiver Einfluss auf Krankheiten wie das Lungenleiden COPD oder auf chronische Gelenkschmerzen. „Da wird es nicht reichen, ein bisschen spazieren zu gehen“, sagt Angela Schuh. „Wir wollen genau wissen, was Patienten und Gesunde im Wald unter welchen Bedingungen tun müssen, damit es ihnen medizinisch etwas nutzt.“ Das könnte ein spezielles Bewegungsprogramm sein, Aufmerksamkeits- und Meditationsübungen könnten dazugehören. Zusammen mit Forstwirtschaftlern der TU München planen Schuh und Immich nun Studien, die das untersuchen.

Waldbaderin aus dem Taunus

Annette Bernjus, die Waldbaderin aus dem Taunus, hat ein bisschen Angst davor, was passiert, wenn Studien wie die in München geplanten zu Ende sind. Auch sie erzählt zwar von den vielversprechenden ersten Erkenntnissen aus Japan und freut sich über jeden Beweis für die Heilkraft des Waldes. „Aber ich wünsche mir, dass das Waldbaden leicht bleibt“, sagt sie.

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