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Wilke-Wurstskandal : Der lange Weg der Warnung

  • -Aktualisiert am

Die Ware von Wilke wurde in unterschiedlichen Aufmachungen in 23 EU-Staaten und mehreren Drittstaaten verkauft. Bild: dpa

Bereits Mitte August wurde das hessische Verbraucherschutzministerium darüber informiert, dass Wilke-Produkte für den Listerienausbruch verantwortlich sein könnten – warum wurde der Betrieb trotzdem erst im Oktober geschlossen?

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          Mit schweren Vorwürfen hat die Opposition im Hessischen Landtag am Mittwoch im Umweltausschuss auf die Ausführungen von Umwelt- und Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) zu dem Skandal um den Wursthersteller Wilke reagiert. Vertreter von SPD, FDP, Linken und AfD sprachen von behördlichem Versagen auf allen Ebenen. Das im hessischen Twistetal-Berndorf angesiedelte Unternehmen wird für einen seit 2014 andauernden Listerien-Ausbruch verantwortlich gemacht.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sind in zwölf Bundesländern mindestens 37 Personen direkt oder indirekt an Listeriose eines bestimmten Typs erkrankt und drei verstorben. Ob es noch weitere Fälle gibt, ist ungewiss. Die Inkubationszeit kann bis zu 67 Tage dauern, zudem ist unklar, wo die Ware zu kaufen war. Eine Liste aller Kunden, die beliefert wurden, existiert nicht.

          Wilke-Produkte wurden – wie es in der Lebensmittelindustrie üblich ist – an Großunternehmen geliefert, die weitere Unternehmen belieferten. Verkauft wurde die Ware von verschiedenen Marken und in unterschiedlichen Aufmachungen in 23 EU-Staaten und mehreren Drittstaaten. Bisher sei der Rückruf der Ware „reibungslos verlaufen“, sagte Hinz, doch könne immer noch Wilke-Wurst auf dem Markt sein.

          Ermittlung gegen Wilke-Geschäftsführer

          Ein früherer Mitarbeiter sagte dem Hessischen Rundfunk, bei Wilke sei „vergammeltes Fleisch mit frischem vermischt worden“, zudem seien Arbeiter in „Massenquartieren“ untergebracht worden. Seit dem 1. Oktober ist der Betrieb geschlossen. Fraglich ist, warum das nicht früher geschah. Denn schon am 12. August hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit Hinz’ Ministerium über den Verdacht informiert, Wilke-Produkte könnten für den Listerienausbruch verantwortlich sein.

          Das Ministerium gab diese Information jedoch erst am 20. August an den Kreis Waldeck-Frankenberg weiter, der für die Lebensmittelkontrolle zuständig ist. Hinz sagte dazu, in der Fachabteilung des Ministeriums habe ein „personeller Engpass“ geherrscht, dadurch sei die „Relevanz“ der Mail „nicht sofort erkannt“ worden sei. Künftig werde ein „anderes System von gegenseitiger Kontrolle“ und „Priorisierung“ umgesetzt.

          Am 16. September erhielt ihr Ministerium dann die Nachricht, dass Listerienfunde von Proben aus dem Wilke-Betrieb identisch sind mit den bei Erkrankten gefundenen Keimen. Daraufhin wurden ab dem 20. September in dem Betrieb von allen Produkten Proben genommen, und nur als unbedenklich getestete Produkte – zumindest was Listerien angeht – verließen das Haus. Hinz selbst wurde jedoch erst am 23. September über den Fall informiert – wieder also mit einer Woche Verzögerung.

          Um die Kontrolle des Betriebs zu beschleunigen, hätte das Ministerium als Fachaufsicht eine Weisung an den Kreis ausgeben können. Das geschah jedoch nicht. Die Lage sei zwar „ernst“ gewesen, es habe jedoch keine Hinweise gegeben, dass der Kreis untätig gewesen wäre, sagte Hinz. Zudem seien fachaufsichtliche Weisungen „nur in Ausnahmefällen“ möglich, da rechtlich angreifbar. Zugleich kritisierte die Ministerin den Kreis, der nur „unzureichend“ über Mängel in dem Betrieb informiert habe, bei Kontrollen ohne Absprache mit beteiligten Behörden vorgegangen sei und erst mit Verzögerung die Staatsanwaltschaft informiert habe. Diese ermittelt nun gegen den Geschäftsführer von Wilke wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.

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