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Vorurteile wegen Coronavirus : „Das ist Rassismus“

Nhi Le: „Ich würde natürlich niemandem wirklich eine Schelle geben.“ Bild: Martin Neuhof

„Alle, die Witze über Asiat*innen und Coronavirus machen, bekommen eine Schelle“, schrieb Nhi Le auf Twitter – und wurde gesperrt. Was sagt die Journalistin dazu? Ein Interview.

          4 Min.

          Sie wurden auf Twitter gesperrt, weil Sie in einem Tweet vor Rassismus im Zusammenhang mit dem Coronavirus gewarnt hatten. Wann haben Sie von dem Problem zum ersten Mal etwas mitbekommen?

          Manon Priebe

          Redakteurin für Social Media.

          Mir haben in den vergangenen Wochen immer wieder Freunde von diskriminierenden Begegnungen erzählt. Ich habe dann entsprechende Tweets von den Journalistinnen Trang Dang und Lin Hierse zum Thema gesehen. Spätestens da war mir klar: Das Coronavirus wird Vorurteile und Ressentiments schüren, die Leute werden rassistische „Witze“ machen.

          Sie haben dann auf Twitter geschrieben: „Alle, die Witze über Asiat*innen und Coronavirus machen, bekommen eine Schelle. Don’t even try to wrap your racism into a joke“. Was ist danach passiert?

          Erst mal nichts. Der Tweet war eine Woche online, und hatte, bevor ich ihn löschen musste, rund 3000 Likes und 800 Retweets. Ich habe nicht mehr darüber nachgedacht. Bis ich mich am Montag in Twitter eingeloggt habe und eine Benachrichtigung hatte, dass eben dieser Tweet gegen die Regeln bezüglich Gewalt und Gewaltandrohung verstößt. Ich wurde vor die Wahl gestellt: Entweder ich lösche den Tweet und mein Account wird nur für zwölf Stunden gesperrt. Oder ich fechte die Entscheidung an, dann wäre mein Account über die gesamte Bearbeitungszeit gesperrt.

          Sie haben den Tweet gelöscht.

          Ich war schockiert, ich wurde noch nie gesperrt! Ich habe oft mitbekommen, dass die Bearbeitung bei Twitter sich sehr lange hinziehen kann. Das wollte ich nicht.

          Das hat auf Twitter bald die Runde gemacht.

          Ich habe eine Freundin gebeten, auf Twitter über meiner Sperre zu schreiben. Das hat eine Solidaritätswelle ausgelöst. Die Leute haben mich nicht nur unterstützt, sondern auch meinen gelöschten „Schellen-Tweet“ bestimmt 200 Mal im Wortlaut wiederholt. Unter #unbanNhi wurde gefordert, meine Sperre rückgängig zu machen. Über 1500 Tweets wurden dazu veröffentlicht. Das hat mich sehr gerührt. Ich hatte mich gegen Rassismus ausgesprochen, ich war echt empört. Und was macht Twitter? Nicht etwa rassistische Tweets werden gelöscht, sondern meiner, der sich gegen Rassismus wehrt. Und Tweets, die mich unterstützen.

          Ein anonymer rechtsradikaler Troll hat sich mit einem „Meldemarathon“ gebrüstet.

          Da wurde mir klar: Twitter sperrt deinen Account nicht unbedingt aufgrund des Inhalts eines Tweets, sondern wenn dieser Tweet schlicht oft genug gemeldet wird. Nach der zehnten Meldung wird aus dem Inhalt dann doch eine Gewaltandrohung. Accounts, die meinen Tweet wiederholt haben, wurden willkürlich gesperrt oder eben nicht; darunter auch einige Journalisten.

          Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, kurz  NetzDG, verpflichtet Plattformen wie Twitter, gemeldete Tweets zu prüfen und gegebenenfalls zu löschen. Darauf hat sich der Troll auch berufen.

          Und er hatte Erfolg damit. Ich habe das NetzDG von Anfang an kritisch gesehen. Ich engagiere mich seit Jahren gegen Hatespeech und für den richtigen Umgang damit. Das NetzDG ist wie ein Pflaster auf den Hass, es bekämpft die Symptome, aber nicht das Problem. Und in meinem Fall sieht man, wie das Gesetz als Waffe gegen die eingesetzt wird, die es eigentlich schützen soll. Außerdem schiebt es die Verantwortung auf die Plattformen, die schnell reagieren müssen. Mein Fall zeigt, dass es immer wieder zu willkürlichen Löschungen kommt.

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