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Vollnarkose : Ich lege Wert darauf, wieder aufzuwachen

  • -Aktualisiert am

Eine Narkose ist heute so sicher wie niemals zuvor Bild: dpa

Für viele Patienten ist eine Vollnarkose kein Segen, sondern ein Problem. Die Angst vor dem Ausgeliefertsein während einer Operation ist weit verbreitet. Unsere Autorin weiß, welche Sorgen berechtigt sind.

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          Universitätsklinik Heidelberg, in der Chirurgie. Einem Mann soll demnächst der Bauch aufgeschnitten werden, es gibt ein Problem mit der Bauchspeicheldrüse. Seine Sorgen gelten allerdings nicht nur dem Eingriff und den Folgen der Erkrankung, sondern mindestens ebenso sehr der Narkose. „Sie wollen mich also in die ewigen Jagdgründe befördern“, begrüßt er die Anästhesistin, noch bevor er auf dem Stuhl vor ihrem Schreibtisch Platz genommen hat.

          Das soll ein Witz sein, aber die Angst dahinter ist echt. Während des Aufklärungsgesprächs wird die Ärztin mit dem Patienten besprechen, wie und wo die Narkosemittel in den Körper gelangen, sie wird fragen, ob er Allergien oder Krankheiten hat, ob er raucht, Medikamente nimmt oder Alkohol trinkt. Alles Dinge, die Einfluss auf die Narkose haben können.

          Vorgespräche sind wichtig

          Der Mann, er ist um die sechzig, redet schnell und viel. Er verlangt nach einer Vollnarkose für die Operation, kaum dass die Ärztin damit begonnen hat, ihre Fragen zu stellen - schließlich, so erklärt er, soll der Eingriff nicht nur nicht weh tun, er möchte auch von den Geschehnissen im Operationssaal nichts mitbekommen. Die Vollnarkose ist dafür zwar die Lösung. Aber zugleich ist sie ein Problem eigener Art: „Ich lege Wert darauf, wieder aufzuwachen“, betont der Patient mehr als einmal in dem halbstündigen Gespräch.

          Einen guten Teil ihrer Arbeitszeit verbringt Anästhesistin Frederike Lund mit schlafenden Patienten, die sie gänzlich außer Gefecht gesetzt hat. Aber solange sie sprechen können, sind ihre Bedenken oftmals ein Thema. Zahnschäden, Übelkeit oder ein rauher Hals sind zwar die häufigsten Nebenwirkungen einer Narkose, zumindest auf dem Papier - aber vor einer Operation zählen für die Patienten andere Dinge.

          Bei einer Vollnarkose erleben Patienten den absoluten Kontrollverlust, sie liefern sich den Ärzten vollkommen aus. Die Angst davor wird selten abstrakt formuliert, sie schlägt sich in konkreten Szenarien nieder. Frauen fühlen sich gelegentlich unwohl beim Gedanken daran, den Ärzten nackt preisgegeben zu sein. Junge Männer äußern manchmal die Sorge, dass in ihrem Beisein, aber ohne ihr Wissen über sie gelacht werden könnte. Ältere wiederum befürchten hin und wieder, dass nach der OP ihre Zurechnungsfähigkeit verloren ist. Viel häufiger wird die Medizinerin jedoch noch mit der Angst ihrer Patienten konfrontiert, dass die Narkose nicht lange genug wirken könnte. Oder die Patienten haben die Sorge, einfach gar nicht mehr aufzuwachen.

          Eine Narkose ist heute so sicher wie niemals zuvor

          Bei einem von fünfzig Patienten beobachtet Lund in den Vorgesprächen, dass sich solche Befürchtungen zu fast schon panischer Angst verdichten. Dann fallen Sätze wie bei dem Mann, der jetzt vor ihr sitzt: „Ich will nur wissen, dass ich aus der Nummer wieder rauskomme“, sagt er zum Beispiel. Oder auch: „Ich will nicht Ihr Streichergebnis werden“ - der Ausreißer in einer Reihe guter Ergebnisse, sozusagen die Ausnahme von der Regel.

          Eine Narkose ist heute so sicher wie niemals zuvor. Anästhesisten erklären das zum einen damit, dass die Facharztausbildung in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich besser geworden ist. Zum anderen weisen sie darauf hin, dass hierzulande bei jedem chirurgischen Eingriff ein Anästhesist mit im Operationssaal steht - und dieser nicht, wie in manchen anderen westlichen Ländern, auch noch für die Narkose im Raum nebenan zuständig ist. Und trotz steigender Sicherheit kann Frederike Lund ihrem ängstlichen Patienten nur die Gewissheit geben, dass der diensthabende Narkosearzt sich bei der Operation bestmöglich um ihn kümmern wird.

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