https://www.faz.net/-gum-togw

Vogelgrippe : Strohhalme für die Pandemie

Februar 2006: Mitarbeiter vom Umweltamt entsorgen einen Schwan auf Rügen Bild: AP

Wenn in der nächsten Zeit eine Vogelgrippe-Pandemie drohen würde, wäre man auf der ganzen Welt darauf schlecht vorbereitet. Denn die benötigten Impfstoffe fehlen. Eine Lösung könnte sein, Cholesterinsenker zur Prophylaxe und Therapie gegen das H5N1-Virus einzusetzen.

          Niemandem im Saal konnte verborgen bleiben, wie aussichtslos die Lage scheint. Würde in den kommenden Wochen, Monaten oder auch in den kommenden Jahren eine Pandemie mit dem gefürchteten H5N1-Influenza-Virus ausbrechen, wäre die Welt denkbar schlecht vorbereitet. Jedenfalls dann, wenn man alle armen und eine ganze Reihe wohlhabender Länder einrechnet. Abermillionen Opfer wären zu beklagen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Im feinen Palais Ferstl im kulturellen Zentrum Wiens hatte das der Experte der Weltgesundheitsorganisation, Klaus Stöhr, schon in seinem Einführungsvortrag hinreichend klargemacht. Aber nun, da der Amerikaner David Fedson, der als eine Art Gewissen der Influenzaforschung vorgestellt wurde, eindringlich gestikulierend und immer wieder mit erhobener Stimme von „Schande“ sprach, da mag einigen der honorigen Zuhörer zum erstenmal durch den Kopf gegangen sein, welche Verantwortung möglicherweise auch sie an einem Versagen tragen könnten. Denn hier im Saal gesellten sich zu ein paar Offiziellen und einer ganzen Reihe hochkarätiger Universitätsforscher und Mediziner in der großen Mehrzahl die Spitzenforscher der pharmazeutischen Industrie.

          Impfstoffe werden bei Epidemie „nationalisiert“

          „Influenza-Vakzine für die Welt“ haben sie ihr exklusives Gipfeltreffen betitelt, und die Kapitäne der Industrieforschung ließen denn auch in den vergangenen Tagen keine Zweifel gelten, sie versuchten nicht ihr Möglichstes, die humane Katastrophe einer Vogelgrippe-Epidemie abzuwenden oder wenigstens zu mildern. Doch David Fedson, der pensionierte Arzt und ehemalige Forscher der Yale-Universität, der selbst jahrelang als Chefwissenschaftler bei einem der größten Impfstoffhersteller der Welt tätig war, sprach von „bitteren Wahrheiten“ - von anderen Wahrheiten.

          Und er war überhaupt der einzige, der den Anspruch erhob, nicht nur einen Teil, sondern möglichst die gesamte Weltbevölkerung vor der Pandemie schützen zu wollen. Fakt ist: Mehr als 95 Prozent der Impfstoffe werden heute in neun Ländern hergestellt. Anders formuliert: 86 Prozent der Menschheit leben in Ländern, die selbst keine Produktionskapazitäten haben, und Fedson ist sich mit den meisten Experten einig, daß im Falle einer Pandemie die vorhandenen Impfstoffe „nationalisiert“ würden.

          Pandemie-Impfstoff noch gar nicht zugelassen

          Den anderen würde nicht viel bleiben: Selbst bei den günstigsten Dosierungen könnte zur Zeit im ersten halben Jahr nach Ausbruch der globalen Epidemie Impfstoff für gerade einmal sechshundert Millionen Menschen erzeugt werden, und selbst das nur für den Fall, daß sämtliche Produktion für den normalen Grippeimpfstoff auf den Pandemie-Impfstoff umgestellt würde. Maximal sechshundert Millionen, das sind weniger Menschen, als jene neun Produktionsländer an eigener Bevölkerung zählen.

          Natürlich erwartet jeder wie Klaus Stöhr von der Weltgesundheitsorganisation, daß sich die Produktionsmengen in ein paar Jahren vergrößern, dank öffentlicher Beihilfen sogar massiv: auf das Doppelte in drei Jahren und - nach Fertigstellung der amerikanischen Anlagen - auf das Sechsfache mit dann schätzungsweise 1,7 Milliarden Impfdosen pro Jahr. „Aber Tatsache ist auch, daß noch gar kein Pandemie-Impfstoff zugelassen ist“, sagte Stöhr. Selbst für den Fall, daß man das verursachende Virus einer drohenden Pandemie schnell in Händen hält, wird die Produktion mit den heute gängigen Verfahren vier bis sechs Monate bis zur Auslieferung der ersten Impfstoffampullen dauern.

          Statine als Therapie der Vogelgrippe

          In dieser für Milliarden Menschen aussichtslosen Situation, die noch durch die auf Jahre begrenzten Ressourcen an den beiden wirksamen antiviralen Medikamenten Tamiflu und Relenza verschlimmert wird, versuchte Fedson den unorthodoxen Befreiungsschlag in Wien: Statine zur Prophylaxe und Therapie der Vogelgrippe. Statine, das sind jene millionenfach genutzten Cholesterinsenker, die in den Vereinigten Staaten fast schon wie Aspirin als pharmakologische Alleskönner gehandelt werden und deren breite Verfügbarkeit nach dem Auslaufen wichtiger Patente als preiswerte Generika als sicher gilt.

          Allein im vergangenen halben Jahr wurden die Statine nach entsprechenden Studien als Mittel gegen rheumatoide Arthritis, zur Hepatitits-C-Virus-Blockade und als Therapeutikum gegen Lungenentzündung ins Spiel gebracht. Speziell die Serie von Experimenten zur Lungenentzündung, von denen Fedson im Palais Ferstl ein halbes Dutzend anführte, hat gezeigt, daß Statine außer zum Absenken der Blutfettwerte auch tatsächlich entzündungshemmend wirken. Offenbar können bestimmte Entzündungsbotenstoffe, Zytokine, günstig beeinflußt werden. Fedson hatte es schon früher geahnt, hatte schon vor zwei Jahren Hinweise gesammelt und darauf hingewiesen, aber eine jüngste Publikation von Forschern der Oxford University in „Nature Medicine“ hatte ihn endgültig überzeugt. Einige der mittlerweile mehr als 150 Todesopfer des asiatischen H5N1-Virus waren offenbar an einem „Zytokin-Sturm“, einer gefährlichen Eskalation des Immunsystems, gestorben.

          „Man sollte auch für Neues offen sein“

          „Für 50 Cent könnten wir einen Menschen fünf Tage lang mit Statinen versorgen“, so Fedson. Grund genug, die Mittel gleich nach Ausbruch einer Pandemie möglicherweise sogar zur Prophylaxe zu nutzen. Der Haken: Das Ganze beruht auf Analogie und Plausibilitätserwägungen und damit auf reiner Theorie, entsprechende Experimente wurden offenbar bisher nicht einmal angedacht. Und auch in Wien erntete Fedson vor allem Schweigen. Mit Klaus Stöhr, dem Delegierten der Weltgesundheitsorganisation, hat er allerdings einen wichtigen Sympathisanten gewonnen: „In unserer Lage, wenn man so händeringend wie wir jetzt nach Lösungen sucht, sollte man auch für Neues offen sein. Wenigstens ein paar Versuchen in Tiermodellen sollte der Industrie der Vorschlag wert sein. Die kosten nicht die Welt.“

          Weitere Themen

          „Karl Lagerfeld war Paris“

          Frankreich trauert : „Karl Lagerfeld war Paris“

          Der frühere Präsident Nicolas Sarkozy, die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und der Regierungssprecher nehmen mit Dankesworten Abschied von dem Mann, der Chanel rettete. Sogar die Gelbwesten verbreiten Trauerbekundungen.

          Topmeldungen

          Karl Lagerfeld : Der letzte Modeschöpfer

          Karl Lagerfeld, der das Erbe von Coco Chanel neu belebte, ist gestorben. Er war ein ganz anderer Typ als die selbstquälerischen Modekünstler, die sich gerade so mit ihrer Mode ausdrücken können, aber meist nicht mit ihren Worten.
          Bayern in Not: Mané versucht Spektakel

          Champions League im Liveticker : Spektakel ohne Ertrag

          Die Bayern halten gut dagegen in Liverpool, dann werden die Reds dominanter. Zur Pause steht es 0:0 im gefühlten Endspiel, dem Achtelfinal-Hinspiel der Champions League. Verfolgen Sie die Partie im Liveticker.
          Jean-Claude Juncker (l.) in Stuttgart, im Gespräch mit Günther Oettinger, EU-Komissar für Haushalt und Personal

          Juncker in Baden-Württemberg : Europa als „Angebot an den Rest der Welt“

          EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verschob einen Termin mit der britischen Premierministerin May, um in Stuttgart aufzutreten. Dort warnte er vor einem Kuschelkurs gegenüber Ungarns Regierungschef Orban – und dem Zerfall der EU.
          Der Vapiano-Chef Cornelius Everke während eines Interview am Dienstag in Frankfurt

          Vapiano-Chef : „Wir haben uns verzettelt“

          Miese Geschäftszahlen, Talfahrt an der Börse: Vapiano-Chef Cornelius Everke erwägt auch Filialschließungen, um die Restaurantkette wieder auf Kurs zu bringen. Und nicht nur das.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.