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Vitamin-D-Mangel : Sonne statt Stoff

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Die Leute, die bei Gerd Appel in seiner Kasseler Hausarztpraxis sitzen und einen Vitamin-D-Test verlangen, sind aber nur selten Säuglinge und Senioren. Seit etwa zwei, drei Jahren wird der Mediziner oft nach einem Test und nach Vitamin-Präparaten gefragt, und fast immer, so sagt er, von jungen, gesundheitsbewussten Menschen, hauptsächlich Frauen. „Vitamin D ist in den Augen einiger Patienten für alles verantwortlich“, sagt Appel. „Dabei gibt es keine Evidenz dafür, dass es einem Patienten etwas nützt, wenn sein Vitamin-D-Spiegel erhöht wird.“

„Das sind keine Smarties“

Appel ist dann in einer Zwickmühle: Er will seine Patienten nicht enttäuschen – findet aber auch keine Studien, die beweisen, dass zusätzliches Vitamin D ihnen etwas nutzen würde. Und dann ist da noch das Problem mit den Nebenwirkungen – die man Vitaminen zwar nicht zutraut, die es aber trotzdem gibt. Vitamin D zum Beispiel kann, gerade hochdosiert als Medikament, Nierensteine verursachen und Koliken auslösen. Im schlimmsten Fall, bei einer sogenannten Hyperkalzämie, treten Psychosen auf und Patienten können ins Koma fallen. „Das sind ja keine Smarties“, sagt Appel über Vitamin-D-Tabletten.

Der Allgemeinmediziner ist nicht der einzige, der von seinen Patienten inzwischen häufig nach Vitamin-D-Tests gefragt wird. Aktuell bezahlen die Krankenkassen nach den Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK etwa eine Million Vitamin-D-Tests im Quartal. 2010 waren es noch etwa 250 000 Tests. Eine Vervierfachung also, die die Kassen im Jahr mindestens 73 Millionen Euro kostet. Rasant angestiegen sind die Zahlen nach 2012 – und zwar wegen eines Missverständnisses.

Damals hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ihre Vitamin-D-Referenzwerte erhöht. Statt bislang fünf Mikrogramm am Tag galten fortan zwanzig Mikrogramm als wünschenswert. Eine „drastische Erhöhung“ sei das, berichtete seinerzeit Stiftung Warentest. Der Deutschlandfunk und sogar das „Deutsche Ärzteblatt“ sprachen von einer Vervierfachung des Wertes. Dabei stimmt das nicht: Mit ihren Werten hat die DGE nämlich auch die Berechnungsgrundlage geändert. Der alte Wert, also eine zusätzliche Aufnahme von fünf Milligramm am Tag, galt ganz allgemein. Die zwanzig Mikrogramm, der neue Wert, gilt dagegen nur unter der Annahme, dass überhaupt kein Vitamin D per Sonnenlicht produziert wird. Laborbedingungen sozusagen – weit weg vom normalen menschlichen Alltag.

Frischluft statt Tabletten

Die neuen Zahlen haben zu einem regelrechten Vitamin-D-Alarm geführt. Dabei sagt auch die DGE: Der Großteil der Deutschen leidet nicht an einem Mangel. Und für die, deren Spiegel im Blut zu niedrig ist, empfiehlt sie keine Tabletten, sondern Rausgehen. Je nach Hauttyp reichen der DGE zufolge nämlich auch in Deutschland im Sommer schon fünf bis 25 Minuten Sonne am Tag, um ausreichend mit Vitamin D versorgt zu sein. Im Winter fällt der Spiegel zwar tatsächlich bei vielen. An Mangel leiden die allermeisten Menschen dann trotzdem nicht. Sie kommen mit dem im Fett und Muskeln gespeicherten Vitamin D locker über die dunklen Monate des Jahres.

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