https://www.faz.net/-gum-8x5as

Vitamin-D-Mangel : Sonne statt Stoff

  • -Aktualisiert am

In Pillenform schwächelt der Stoff

Als sicher nachgewiesen gilt, dass Vitamin D gut für die Knochen ist. Aber auch in dieser Disziplin schwächelt der Stoff in Pillenform inzwischen. Einer britischen Überblickstudie vom vergangenen Jahr zufolge verbessert Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel weder generell die Knochendichte noch verhindert es Stürze oder Brüche. Die einzigen, die von der Gabe des Vitamins profitieren, sind demzufolge ältere Frauen in Pflegeheimen.

Chefarzt Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover gibt seinen Patienten Vitamin D nur streng nach den ärztlichen Leitlinien. Nur dann also, wenn sie bereits an Osteoporose leiden oder ein Medikament mit Cortison einnehmen. Bei allem anderen, insbesondere zur Vorsorge gegen irgendwas bei gesunden Menschen, fehlen ihm Beweise, dass zusätzliches Vitamin D hilft. „Zum jetzigen Zeitpunkt steht da schlicht eine Industrie dahinter, die Vitamin D verkauft“, sagt er. „Das ist nicht der erste Hype um ein Vitamin, den es gibt. Dasselbe gab es mit C vor zwanzig und mit E vor zehn Jahren.“

Vitamin D als Aufsteiger unter den Präparaten

Bei beiden Vitaminen weiß man inzwischen, dass die jeweilige Aufregung übertrieben war. Gewirkt hat sie trotzdem. Gut ein Drittel der Deutschen nimmt Nahrungsergänzungsmittel und gibt dafür im Jahr insgesamt 1,1 Milliarden Euro aus. Das hat IMS Health errechnet, ein auf Gesundheit spezialisiertes Marktforschungsunternehmen, das die Pharmabranche berät. Der Aufsteiger unter den Präparaten ist demnach Vitamin D, zusammen mit seinem Bruder A. Der Umsatz von Tabletten oder Tropfen mit diesen Stoffen ist zuletzt innerhalb eines Jahres um fast 27 Prozent gestiegen.

Hilft am zuverlässigsten gegen Vitamin-D-Mangel: Sonne
Hilft am zuverlässigsten gegen Vitamin-D-Mangel: Sonne : Bild: dpa

So weit, so sehr normale Marktwirtschaft. Vor einigen Monaten, im Januar, hat Anke Ehlers vom Bundesinstitut für Risikobewertung auf der Grünen Woche einen Vortrag gehalten, und man muss sich nur die Folien dazu im Netz ansehen, um zu begreifen: Ganz so einfach ist es nicht. Nahrungsergänzungsmittel werden nicht behördlich geprüft, bevor sie in den Handel gehen. Frei verkäufliche Vitamin-D-Präparate sind oft hochdosiert, die Hersteller empfehlen zum Teil, täglich 50 Mikrogramm Vitamin D einzunehmen. Eine Dosis, die offizielle Zufuhrempfehlungen weit übersteigt. Das ist erlaubt, weil es keine gesetzlichen Höchstmengen für Vitamin-Präparate gibt. „Die sind aber unbedingt notwendig, um das Risiko einer Überversorgung zu vermeiden“, sagt Ehlers vom Bundesinstitut, wo man an Empfehlungen für solche Grenzwerte arbeitet.

Das Schein-Vitamin

Vitamin D ist dabei ein Sonderling. Es ist nur versehentlich als Vitamin deklariert und eigentlich ein Prohormon. Der Körper braucht es, um Calcium nutzen zu können – und kann es im Unterschied zu anderen Vitaminen nur bedingt durch die Nahrung aufnehmen. Zu 90 Prozent wird D durch In-der-Sonne-Sein vom Körper selbst synthetisiert.

Die Werbung der Vitamin-D-Industrie zielt deshalb auf den durchschnittlichen Büroarbeiter ab, der eh schon mit einem schlechten Gefühl acht, neun oder zehn Stunden am Tag sitzend und drinnen verbringt. Genau aber dieser Büroarbeiter hat aller Wahrscheinlichkeit nach gerade kein erhöhtes Risiko für einen Vitamin-D-Mangel. Nach vom Bundesinstitut für Risikobewertung ausgewerteten Studien gibt es nur eine Gruppe in der Bevölkerung, deren Vitamin-Spiegel mehrheitlich deutlich zu niedrig ist: Senioren, die in Pflegeheimen leben und so gut wie nie in der Sonne sind. Außerdem schauen die Risikoexperten noch auf Säuglinge, die besser nicht in der Sonne herumliegen sollten. Für beide Gruppen ist gesorgt. Kinderärzte geben Eltern von Säuglingen standardmäßig Vitamin-D-Tabletten für das Kind mit. Bei Bewohnern von Pflegeheimen empfehlen Hausärzte die Pillen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Fahndungsfotos um 1971 von Mitgliedern der Baader-Meinhof Gruppe.

Südlich von Hamburg : Waldarbeiter entdecken mögliches RAF-Depot

Waldarbeiter haben in Niedersachsen einen ungewöhnlichen Fund gemacht: In einem vergrabenen Fass haben sie mutmaßliche RAF-Schriftstücke und andere verdächtige Gefäße entdeckt. Das Landeskriminalamt untersucht den Fund nun.
Ein Teil eines Kreuzfahrtschiffs wird am Warnemünder Standort der MV Werften ausgedockt. (Archivfoto)

MV Werften in der Krise : Schiffbruch an der Ostsee

Die MV Werften sind durch Corona und hausgemachte Fehler in eine Schieflage geraten. Trotz hoher Staatshilfen fehlen die Perspektiven. Es wächst die Angst vor einem Kollaps.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.