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Lungenkrankheit in China : „Das Virus wird wahrscheinlich auch in Europa auftreten“

Reisende tragen als Schutzmaßnahme Mundschutz, während sie in einem Wartezimmer am Pekinger Westbahnhof sitzen. Bild: dpa

Angesichts des Coronavirus in China will Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin nicht von einer Pandemie sprechen. Im Interview erklärt er, warum die Krankheit aber wohl auch nach Europa verschleppt wird.

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          Herr Drosten, wie ansteckend ist das Coronavirus?

          Das ist schwer zu sagen. Natürlich gibt es Zahlen, mit denen die Ansteckungsfähigkeit messbar ist, aber es ist noch viel zu früh, um dies einschätzen zu können. Wir können da nur die Fallzahlen beobachten, die zeigen: Es kommen jeden Tag neue Fälle dazu. Vor allen Dingen breitet sich das Virus aber auch über neue Orte aus.

          Wie gefährlich wird es bei einer Infektion?

          Wir haben es primär mit einer Lungenerkrankung zu tun. Das sind tendenziell schwerwiegendere Erkrankungen als eine laufende Nase. Über den Krankheitsverlauf wissen wir derzeit wenig. Was wir wissen: Von ungefähr 440 Patienten sind neun Menschen gestorben. Das hört sich nach normalem Verständnis vielleicht nach wenig an, aber das ist eine hohe Zahl. Man muss aber auch sagen, dass die schweren Erkrankungen am Anfang einer solchen Infektionsepidemie immer überschätzt werden. Das liegt daran, dass die harmlosen Fälle gar nicht bemerkt werden, wenn nicht sehr gezielt danach gesucht wird.

          Wie groß ist die Gefahr für Deutschland und Europa?

          Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr wahrscheinlich, dass es einzelne Einschleppungen geben wird. Was ich nicht voraussagen kann ist, ob es auch hier zu einer Infektionswelle kommen wird. Dafür ist es zu früh. Entscheidend werden die dicht bevölkerten asiatischen Großstädte wie Hongkong, Taipeh und Singapur sein. Die dortigen Gesundheitsbehörden gehen mit solchen Erkrankungen sehr strikt um und brachten durch drastische Isolierungsmaßnahmen auch die Sarsepidemie zum Stillstand. Das sind allerdings auch die Orte, über die sich das Virus international verbreiten könnte.

          Christian Drosten ist Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin.

          Halten Sie eine Pandemie für möglich?

          Ich würde sagen, wir reden nicht von Pandemien, sondern behalten einen Blick darauf, was man jetzt tun kann – und muss. Ich halte den Begriff des internationalen Gesundheitsnotstands für hilfreicher. Wenn die Weltgesundheitsorganisation diesen ausruft, können durchgreifende Maßnahmen im öffentlichen Gesundheitswesen herangezogen werden. Der Begriff Pandemie ist zudem ein großer Begriff, der schnell missverstanden wird und mit dem ich daher vorsichtig umgehen will. 

          Bisher gibt es keinen Impfstoff gegen die neuartigen Coronaviren. Wie schnell könnte es gelingen, antivirale Mittel zu entwickeln?

          Die sehr nahe Verwandtschaft des Erregers mit dem Sarsvirus könnte uns da zugutekommen. Es sind für das Sarsvirus schon antivirale Mittel entwickelt worden bis hin zu Mitteln, die auch klinisch relativ weit erprobt worden sind. Diese Medikamente könnten auch für das neue Virus guter Ansatzpunkt wenn nicht vollkommen wirksam sein. Mit einem Impfstoff wird es wohl schwieriger. Das Hauptoberflächenprotein dieses Virus ist zwar strukturell ähnlich, im Detail sind die Viren jedoch sehr unterschiedlich. Ich bezweifle, dass ein Impfstoff gegen das Sarsvirus gleichzeitig auch für das neuartige Virus zu verwenden ist. Da müssen wir von vorne anfangen.

          Ist es Ihres Erachtens denkbar, dass China das eigentliche Ausmaß des Virus verschweigt?

          Das glaube ich eigentlich nicht. Es sind bereits einige Sequenzen der zirkulierenden Viren in China veröffentlicht worden und die sprechen eine ganz eigene Sprache. Es sieht nach einer bisher nicht sehr differenzierten Virenpopulation aus, heißt, die Viren sind sich untereinander sehr ähnlich. Das wiederum bedeutet, dass wir es mit einem sehr jungen Geschehen zu tun haben. Es sieht also nicht danach aus, als würde das Virus bereits länger zirkulieren und als wären zuvor aufgetretene Fälle nicht gemeldet worden.

          Durch das bevorstehende chinesische Neujahrsfest ist mit der größten jährlichen Völkerwanderung zu rechnen. Schätzen Sie das als eine zusätzliche Gefahr ein?

          Ja, das ist sehr schlecht. Man kann natürlich verstehen, dass dies zu untersagen gesellschaftlich nicht zu vermitteln und wahrscheinlich auch gar nicht möglich wäre. Aber diese Reisewelle wird sicherlich Probleme nach sich ziehen.

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