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Report einer Krankenkasse : Gefährliche Antibiotika trotz Nebenwirkungen oft verschrieben

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In einem „Rote Hand Brief“ vom April wird empfohlen, das Antibiotikum nur noch im Einzelfall zu verschreiben. Bild: dpa

Mehr als drei Millionen Patienten in Deutschland erhielten 2018 Fluorchinolon-Antibiotika – dabei sind ihre schweren Nebenwirkungen schon lange bekannt. Experten kritisieren ein Versagen der Arzneimittelüberwachung.

          n Deutschland werden immer noch häufig Fluorchinolone verschrieben: eine Antibiotikagruppe, die schwerwiegende Nebenwirkungen haben kann. Obwohl diese Risiken schon seit Jahren bekannt sind, erhielten 2018 mehr als drei Millionen aller gesetzlich krankenversicherten Patienten hierzulande entsprechende Präparate. Das ist das Ergebnis einer Berechnung des Wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse AOK (WIdO). 40.000 der Patienten könnten, so die Hochrechnung des WIdO, von Sehnenrissen, Schädigungen des Nervensystems sowie der Hauptschlagader betroffen sein.

          Mit Antibiotika werden Infektionen behandelt, die durch Bakterien ausgelöst werden. Im europäischen Vergleich werden diese in Deutschland zwar seltener verschrieben – ihr Verbrauch stieg hierzulande allerdings zwischen 1994 und 2014 nach Angaben des Europäischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention in Stockholm (ECDC) an. 2018 wurden nach Erfassung des WIdO 310 Millionen Antibiotika-Tagesdosen verordnet – davon entfielen 8,2 Prozent oder 25,6 Millionen Tagesdosen auf die Fluorchinolon-Antibiotika, bei denen besonders schwere Nebenwirkungen möglich sind.

          Auf Basis von AOK-Daten gibt das WIdO an, dass 3,8 Millionen Patienten im Jahr 2017 und 3,2 Millionen Patienten 2018 mit einem Medikament aus dieser Wirkstoffgruppe behandelt wurden. Das entspreche jährlich um die fünf Prozent der mehr als 72 Millionen gesetzlich Krankenversicherten.

          Die WIdO-Schätzung von 40.000 Fluorchinolon-spezifischen Nebenwirkungen fällt laut Stefan Pieper sehr konservativ aus. Der Allgemeinmediziner aus Konstanz und Experte für Schäden durch Fluorchinolone verweist in einer unabhängigen Einordnung des Reports auf belastbare Untersuchungen aus den Vereinigten Staaten, die weitaus höhere Zahlen ergeben hätten. „Umgerechnet auf Deutschland wären es hierzulande fast 400.000 Fälle pro Jahr“, so Pieper. Zudem sei nur ein Teil der möglichen Nebenwirkungen in das Dossier eingegangen.

          „Betroffene verlieren ihre Arbeit“

          In den Vereinigten Staaten werden die Folgen der Nebenwirkungen als „Fluoroquinolone-Associated Disability“ (FQAD, etwa: mit Fluorchinolon zusammenhängende Schädigungen) bezeichnet und sind als Erkrankung anerkannt. Pieper arbeitet derzeit an der Entwicklung von Diagnosekriterien für FQAD und hat den ersten deutschsprachigen Fachartikel zum Thema geschrieben. „Über diese Arbeit habe ich mindestens 200 Symptome festgestellt, die bei FAQD auftreten können“, fasst er zusammen.

          Dabei lassen sich die Nebenwirkungen laut Pieper in vier Gruppen einteilen. Zum einen griffen Fluorchinolone das Kollagen im Körper an, was zu Sehnenrissen, Netzhautablösungen und Arterienrissen führen könne. Zum zweiten hätten diese Antibiotika eine neurotoxische Wirkung, welche langfristige, teils schwer zu behandelnde Nervenschäden auslösen könnten. Eine dritte mögliche Nebenwirkung betreffe Neurobotenstoffe, deren Rezeptoren durch Fluorchinolone blockiert werden könnten. Patienten würden dann unruhig, ängstlich oder panisch und könnten gar suizidale Tendenzen entwickeln. Und schließlich sei ein Chronisches Erschöpfungssyndrom möglich – für Pieper, der eine Vielzahl der Nebenwirkungen in seiner Praxis bereits gesehen hat, ein besonders schweres Schicksal: „Betroffene verlieren ihre Arbeit, erleben sozialen Abstieg und familiäre Zerrüttung und vor allem wird ihnen am wenigsten geglaubt.“

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