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Verkostung von Retortenfleisch : „Der Burger kam Rind sehr nahe“

  • Aktualisiert am

Nur ein Bissen: Hanni Rützler Bild: REUTERS

„Schön knusprig“: Die Ernährungsexpertin Hanni Rützler hat als erster Mensch der Welt einen Burger aus Retortenfleisch verkostet. Ihr Urteil: Gar nicht so schlecht.

          2 Min.

          Frau Rützler, Sie hatten das Glück, in den Frankenstein-Burger beißen zu können ...

          ... so nennen Sie den?

          So wird er nicht ganz ernsthaft genannt, weil er im Labor aus Rinderstammzellen gezüchtet wurde. Wie war Ihr erster Eindruck von dem Burger?

          Ich wusste vorher, dass es fettfreies Muskelgewebe ist, das Mark Post mit Rotebeetesaft und Safran gefärbt hatte, damit es wie Rindfleisch aussieht. Ich rechnete damit, dass der Burger weich ist. Doch in der Pfanne, angebraten mit etwas Olivenöl und einem Stückchen Butter, konnte man schon sehen, dass er schön braun wurde.

          Und dann durften Sie zubeißen?

          Erst zuschneiden. Dann biss ich hinein. Er war schön knusprig und kompakt. Von der Konsistenz kam er einem Faschierten Laibchen, wie man bei uns in Wien zu Frikadellen sagt, sehr nahe.

          Essen Sie gerne Burger?

          Ich bezeichne mich als „Flexitarier“, das heißt ich verzichte nicht ganz auf Fleisch, ernähre mich aber überwiegend vegetarisch.

          Wie kam es dazu, dass Mark Post Sie auswählte?

          Wir trafen uns im Juni auf einer Tagung über die Zukunft unserer Ernährung im finnischen Turku und kamen ins Gespräch. Wir haben über die Pros und Contras von Kunstfleisch diskutiert. Dabei ist uns beiden klar, dass im Labor gezüchtetes Fleisch als Technologie nicht die Lösung all unserer Probleme sein kann. Ich war aber sehr interessiert an seiner Entwicklung und neugierig, wie das schmecken würde. Eine Woche später kam eine SMS von ihm mit der Frage, ob ich tatsächlich an der Verkostung in London teilnehmen würde.

          Nur zwei Auserwählte durften am Montag in den Burger beißen. Waren Sie sich mit dem Amerikaner Josh Schonwald einig, was das Fleisch aus der Retorte angeht?

          Wir wussten beide nicht, was uns erwartet. Und wir beide hatten nur einen Bissen. Insofern waren wir überrascht, wie nah der Kunstburger „natürlich gewachsenem“ Fleisch kam, auch wenn Josh Schonwald, der kein Ernährungswissenschaftler ist, sagte, dass ihm der Ketchup abgeht. Der Burger war pur. Es gab auch kein Salz und Pfeffer. Eine Prise wäre nicht schlecht gewesen. Den Safran und den Rotebeetesaft hat man aber ebenfalls nicht durchgeschmeckt.

          Kostprobe : Die Frikadelle aus dem Labor

          Der Koch, der den Burger zubereitete, war offenbar begeistert?

          Er wusste vorher ja auch nicht, ob es funktioniert. Es war eine einmalige Chance, und wir waren froh, dass der Burger nicht zerfiel. Mark Post hat ja drei Monate an dem Burger gearbeitet.

          Im Labor an der Universität in Maastricht hat Mark Post den Burger aus Stammzellen gezüchtet. Das war nicht nur langwierig, der Burger soll auch rund 250000 Euro gekostet haben.

          Selbst wenn man die Entwicklungskosten nicht einrechnet, war es der teuerste Bissen meines Lebens.

          Sie sind Food-Trend-Expertin. Geben Sie dem Retortenfleisch eine Zukunft?

          In Europa haben wir zwar den Zenit, was den Verzehr von Fleisch angeht, überschritten, und „Flexitarier“ sind in Europa und Amerika ein Trend. Doch nicht nur die Welternährungsorganisation geht davon aus, dass der Fleischkonsum auf der ganzen Welt steigen wird. In vielen Gesellschaften entwickelt sich erst eine Mittelschicht, die sich Fleisch nun leisten kann. Insofern ist ein bewussterer Umgang mit Fleisch wichtig, für dessen Produktion sehr viel Land, Energie und vor allem Wasser verbraucht werden. Cultured Meat wie dieser Burger verbraucht viel weniger dieser Ressourcen und öffnet eine weitere Türe in die Zukunft, auch wenn es nicht die einzige ist.

          In Deutschland fordern die Grünen einen „Veggie-Tag“ pro Woche.

          Das erinnert mich an die autofreien Sonntage in den Siebzigern. Um auf ein Thema aufmerksam zu machen, ist so ein Tag sinnvoll. Menschen, die nicht wissen, wie viele Probleme mit der Massentierhaltung einhergehen, kann man mit solchen Aktionen vielleicht erreichen. In einer Zeit, in der Menschen sehr viele Lebensmittel wegwerfen, ist es gut, sich klar zu machen, was für ein Luxus es ist, solche Mengen essen zu können. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnten sich die wenigsten Fleisch überhaupt regelmäßig leisten.

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